Expositionsszenarien sind dokumentierte Beschreibungen der Bedingungen, unter denen ein Stoff während seines Lebenszyklus – Herstellung, Transport, Verarbeitung, Anwendung und Entsorgung – mit Menschen und Umwelt in Kontakt kommen kann. Sie legen dar, welche Risikomanagementmaßnahmen dabei zu beachten sind, damit eine sichere Verwendung gewährleistet ist. Für Bauprodukte und Bauchemie sind sie Bestandteil der Kommunikation entlang der Lieferkette zwischen Stoffherstellern, Formulierern und nachgeschalteten Anwendern wie Verarbeitern auf der Baustelle.

Funktion und Zweck

Ein Expositionsszenario beschreibt konkrete Verwendungsbedingungen eines Stoffes oder Gemisches: die Art der Tätigkeit, die beteiligten Mengen, die Dauer und Häufigkeit des Kontakts sowie die eingesetzten technischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen. Es ordnet einer bestimmten Verwendung ein Risikoprofil zu und legt fest, unter welchen Bedingungen dieses Risiko als beherrschbar gilt. Hersteller von Stoffen und Gemischen erstellen Expositionsszenarien im Rahmen der Stoffsicherheitsbeurteilung und hängen sie als Anhang an das erweiterte Sicherheitsdatenblatt an. Nachgeschaltete Anwender – etwa Hersteller von Bauchemieprodukten oder Verarbeiter auf der Baustelle – müssen prüfen, ob ihre tatsächlichen Verwendungsbedingungen von den beschriebenen Szenarien abgedeckt sind.

Inhalte eines Expositionsszenarios

Ein vollständiges Expositionsszenario umfasst typischerweise die Kurzbeschreibung der Verwendung, Angaben zu Prozesskategorien, zur Dauer und Häufigkeit der Exposition, zu betroffenen Umweltkompartimenten sowie die vorgesehenen Risikomanagementmaßnahmen wie persönliche Schutzausrüstung, Lüftungstechnik oder bauliche Vorkehrungen. Daraus lässt sich ableiten, ob eine Verwendung als sicher gilt, wenn die genannten Bedingungen eingehalten werden. Konkrete Konzentrationswerte oder Grenzwerte sind stoff- und anwendungsspezifisch und werden in den jeweiligen Sicherheitsdatenblättern beziehungsweise den zugehörigen Stoffsicherheitsberichten ausgewiesen; sie lassen sich nicht pauschal auf unterschiedliche Stoffgruppen übertragen.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

Das Expositionsszenario ist von der Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz zu unterscheiden, die betriebsspezifisch durch den Arbeitgeber erstellt wird und lokale Gegebenheiten berücksichtigt. Das Expositionsszenario liefert dafür eine stoffbezogene Grundlage, ersetzt die betriebliche Beurteilung aber nicht. Ebenso ist es vom Sicherheitsdatenblatt selbst zu unterscheiden: Während das Sicherheitsdatenblatt allgemeine Angaben zu Gefahren, Handhabung und Lagerung enthält, beschreibt das Expositionsszenario die konkreten Verwendungsbedingungen und zugehörigen Schutzmaßnahmen für bestimmte identifizierte Verwendungen.

Anwendungsgrenzen

Expositionsszenarien sind nur so belastbar wie die zugrunde gelegten Verwendungsbedingungen. Weicht die tatsächliche Verwendung auf der Baustelle oder im Werk von den beschriebenen Bedingungen ab – etwa durch andere Mengen, längere Expositionsdauer oder fehlende Schutzmaßnahmen –, ist die Einstufung als sichere Verwendung nicht mehr gültig. Nachgeschaltete Anwender sind in diesem Fall gehalten, den Lieferanten zu informieren oder eigene Expositionsszenarien zu erstellen. Für Baustoffe mit komplexen Stoffgemischen, etwa Bauchemieprodukte mit mehreren reaktiven Komponenten, kann dies bedeuten, dass mehrere Expositionsszenarien für unterschiedliche Anwendungsfälle nebeneinander bestehen.

Einordnung in der Berichterstattung

Im Beitrag ThyssenKrupp Steel: Gefahrstoff-Management zwischen Norm-Compliance und Transparenz wird die Registrierungspflicht nach REACH thematisiert, nach der Hersteller Stoffe oberhalb bestimmter Jahrestonnagen bei der ECHA anmelden, Sicherheitsdatenblätter nach GHS-Kriterien bereitstellen und Expositionsszenarien für nachgeschaltete Anwender dokumentieren müssen. Am Beispiel von Baustahl und Bewehrungsstahl wird gezeigt, wie sich diese Dokumentationspflichten auf die Chargenprüfung und die Informationsweitergabe entlang der Lieferkette auswirken.