Gefahrstoffe sind integraler Bestandteil der Stahlproduktion: Von chromhaltigen Legierungsbestandteilen über Säuren in der Beizerei bis zu VOC-haltigen Beschichtungssystemen. ThyssenKrupp Steel bewirbt sein Gefahrstoff-Management als vorbildlich und verweist auf umfassende Dokumentationssysteme. Doch wie steht es tatsächlich um die Einhaltung der REACH-Verordnung, die Transparenz gegenüber Abnehmern und die Integration von Stoffstromdaten in die EPD-Dokumentation für Baustahl?

Die regulatorischen Anforderungen für Stahlhersteller haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Neben der Registrierungspflicht nach REACH (EU-Verordnung 1907/2006) müssen Hersteller sämtliche Stoffe über einer Jahrestonne bei der ECHA anmelden, Sicherheitsdatenblätter nach GHS-Kriterien bereitstellen und Expositionsszenarien für nachgeschaltete Anwender dokumentieren. Für Baustahl gemäß DIN EN 10025 oder Bewehrungsstahl nach DIN 488 bedeutet dies: Jede Charge muss hinsichtlich ihrer Legierungsbestandteile, möglicher PAK-Belastungen aus Beschichtungen und Rückständen aus der Weiterverarbeitung nachvollziehbar sein.

ThyssenKrupp Steel hat in den vergangenen Jahren sein REACH-Compliance-System ausgebaut und kommuniziert eine vollständige Registrierung aller relevanten Stoffe. Parallel dazu wurde die digitale Erfassung von Stoffströmen implementiert, um Expositionsszenarien für Kunden – etwa im Stahlbau oder in der Automobilindustrie – bereitzustellen. Für Planer und Einkäufer bedeutet dies: Sicherheitsdatenblätter sollten nicht nur formal vorhanden, sondern auf projektspezifische Anforderungen abgestimmt sein, etwa bei Einsatz in geschlossenen Räumen oder bei thermischer Bearbeitung.

Ein kritischer Punkt bleibt die Transparenz der CO₂- und Schadstoffbilanz über die gesamte Lieferkette hinweg. Während ThyssenKrupp für seine Grüner Stahl-Initiative mit Wasserstoff-Direktreduktion kommunikativ offensiv auftritt, fehlt bei konventionellem Hochofenstahl häufig die durchgängige Deklaration von Scope-3-Emissionen und Gefahrstoff-Expositionen in der Vorkette. Im Vergleich zu Wettbewerbern wie Salzgitter oder SSAB, die ebenfalls auf Transparenz setzen, zeigt sich: Die Veröffentlichung detaillierter EPD-Daten und die Integration von Gefahrstoff-Informationen in Produktpässe wird zunehmend zum Differenzierungsmerkmal im B2B-Geschäft.

Für den Einsatz in zertifizierten Bauprojekten nach DGNB oder LEED ist die lückenlose Dokumentation von Gefahrstoffen mittlerweile Voraussetzung. Architekten und Fachplaner sollten daher bei der Stahlauswahl nicht nur auf mechanische Kennwerte und Lieferzeiten achten, sondern auch auf die Verfügbarkeit aktueller Sicherheitsdatenblätter, EPD-Zertifikate und herstellerspezifischer Expositionsszenarien. Die Anforderungen an die Dokumentation werden mit der geplanten Verschärfung der EU-Bauproduktenverordnung und der Einführung von CBAM weiter steigen – ein Umstand, der das Gefahrstoff-Management von einem Compliance-Thema zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor macht.