Wasserglas ist eine wässrige Lösung amorpher Natrium-, Kalium- oder Lithiumsilicate, die beim Trocknen über Wasserverdunstung in wasserunlösliche Kieselsäure übergeht – diesen Prozess bezeichnet die Fachliteratur als Verkieselung. Entscheidend für die bauchemische Praxis: Dieser Vorgang ist irreversibel. Wird die entstandene Kieselsäure erneut mit Wasser benetzt, bildet sich kein Wasserglas zurück. Genau diese Eigenschaft macht das Material zum Bindemittel für Festiger und Silikatanstriche auf mineralischen Untergründen wie Beton, Mauerwerk, Zement- und Kalkputz.
Je nach enthaltenem Alkalimetall unterscheidet man Natriumwasserglas, Kaliumwasserglas und Lithiumwasserglas. Für die Anwendung an der Fassade ist die Wahl des Typs nicht beliebig: Natronwasserglas eignet sich nicht für dauerhaften Feuchtigkeitsschutz, da es sich – anders als Kaliwasserglas – nach längerer Zeit allmählich wieder auflöst. In der Baupraxis dominiert deshalb Kaliwasserglas als Grundierung vor Silikatfarben.
Wie wird Wasserglas hergestellt?
Zur Herstellung fester Wassergläser werden Gemenge aus Quarzsand und Kaliumcarbonat beziehungsweise Natriumcarbonat unter CO₂-Entwicklung bei 1100 °C bis 1200 °C verschmolzen. Die resultierende allgemeine Formel M₂O·n SiO₂ liegt bei technisch relevanten Wassergläsern im Bereich n = 1 bis 4. Bei Natronwasserglas, dem mengenmäßig wichtigsten Typ, beträgt das Molverhältnis von SiO₂ zu Na₂O meist 3,4 bis 3,5.
Nach dem Erschmelzen wird das abgekühlte Glas zu Pulver gemahlen und anschließend bei hohen Temperaturen – etwa 150 °C bei 5 bar Druck – in Wasser gelöst. Daraus entsteht flüssiges Wasserglas als klare, kolloide alkalische Lösung mit einem pH-Wert von rund 11. Historisch geht die Entwicklung auf den Chemiker Johann Nepomuk von Fuchs zurück, der das Material 1818 erstmals herstellte und benannte.
Wo wird Wasserglas als Bindemittel eingesetzt?
In der Baupraxis kommt überwiegend flüssiges Kalium- oder Natriumsilicat zum Einsatz. Typische Eigenschaften und Einsatzfelder einer Kali-Wasserglas-Grundierung auf mineralischem Untergrund:
- Verfestigung sandender, kreidender Putze durch Verkieselung des Untergrunds
- Reduzierung und Vereinheitlichung der Saugfähigkeit vor dem Folgeanstrich
- Untergrundvorbehandlung speziell für Silikatfarben
- Festigung ohne Filmbildung, dadurch hohe Wasserdampfdiffusionsfähigkeit
- Einsatz innen und außen auf Beton, Mauerwerk, Spachtelmassen, Zement- und Kalkputz möglich
Vor dem Auftrag müssen lose Altanstriche und schlecht haftender Putz entfernt werden. Das Material lässt sich je nach Saugfähigkeit des Untergrunds bis im Verhältnis 1:3 mit Wasser verdünnen, wobei die verdünnte Lösung zügig zu verarbeiten ist. Unter Normalbedingungen von +20 °C und 65 % relativer Luftfeuchtigkeit liegt die Trockenzeit bei etwa sechs Stunden; bei ungünstigeren Bedingungen verlängert sie sich entsprechend. Die Mindestverarbeitungstemperatur für Material, Umluft und Untergrund beträgt +5 °C.
Welche Grenzen hat Wasserglas als Beschichtung?
Eine Kali-Wasserglas-Grundierung ist ausdrücklich nicht als sichtbarer Endanstrich geeignet – sie dient als Vorbehandlung, nicht als Deckschicht. Zudem sind Materialien wie Glas, Aluminium, Keramik und Marmor empfindlich gegenüber Spritzern, die sofort mit Wasser zu entfernen sind. Verarbeitungsseitig gilt das Produkt als frei von Konservierungsstoffen, Lösungsmitteln und Weichmachern, was es von klassischen organisch gebundenen Grundierungen unterscheidet.
Für Planer und Verarbeiter, die mineralische Fassadenputze instand setzen oder Silikatfarbsysteme vorbereiten, liefert die Verkieselungschemie des Wasserglases damit eine diffusionsoffene Alternative zu filmbildenden Grundierungen. Im breiteren Kontext der Bauchemie zählt Wasserglas neben Zementen und organischen Bindemitteln zu den anorganischen Systemen, die insbesondere bei der Sanierung historischer, rein mineralischer Untergründe eine Rolle spielen – etwa im Zusammenspiel mit Mörtel- und Putzsystemen auf Kalk- oder Zementbasis.
