Eine Förderung mit Signalwirkung für die europäische Stahlindustrie: Der schwedische Stahlhersteller SSAB hat eine EU-Unterstützung in Höhe von 20 Millionen Euro für ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm zur Herstellung von fossilfreiem Stahl erhalten. Die Mittel fließen in die Weiterentwicklung der HYBRIT-Technologie, die statt Kohle-Hochofen auf Wasserstoff-Direktreduktion setzt und die CO₂-Emissionen der Stahlproduktion um bis zu 95 Prozent reduzieren soll.
Für die Baubranche ist diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung: Baustahl und Bewehrungsstahl verursachen in der konventionellen Herstellung etwa 1,85 Tonnen CO₂ pro Tonne Stahl. Bei einem jährlichen europäischen Verbrauch von rund 40 Millionen Tonnen Betonstahl entspricht dies einem CO₂-Ausstoß von über 70 Millionen Tonnen. Die SSAB-Technologie könnte diese Emissionen nahezu vollständig eliminieren und damit die Ökobilanzen von Stahlbeton-Konstruktionen grundlegend verändern.
Die Förderung beschleunigt die Industrialisierung eines Verfahrens, das bereits in Pilotanlagen validiert wurde. SSAB plant, ab 2026 kommerzielle Mengen fossilfreien Stahls bereitzustellen. Die mechanischen Eigenschaften – Zugfestigkeit, Streckgrenze und Duktilität – entsprechen dabei den Anforderungen gängiger Festigkeitsklassen gemäß EN 10080 für Betonstähle. Planer können fossilfreien Stahl daher ohne Anpassungen in statischen Berechnungen nach Eurocode 2 verwenden.
Die Marktauswirkungen sind vielschichtig: Zwar liegt der erwartete Mehrpreis initial bei 20 bis 30 Prozent gegenüber konventionellem Stahl, doch die zunehmende CO₂-Bepreisung im EU-Emissionshandel und verschärfte EPD-Anforderungen in Ausschreibungen schaffen Anreize für klimaneutralen Baustahl. Zudem kooperiert SSAB mit Zementherstellern wie Heidelberg Materials, um Synergien zwischen fossilfreiem Stahl und CO₂-armen Zementbindemitteln zu erschließen.
Die EU-Förderung unterstreicht die politische Priorität der Stahldekarbonisierung im Rahmen des Green Deal. Parallel zu Dekarbonisierungsinitiativen in der Ziegelproduktion entsteht ein Wettbewerb um klimaneutrale Baustoffe. Für Architekten und Bauherren bedeutet dies: Die Material-Normkonformität bleibt erhalten, während sich die Nachhaltigkeitsbewertung nach DGNB und LEED deutlich verbessert. Mit der SSAB-Förderung rückt fossilfreier Stahl von der Nische in die Serienreife – ein Meilenstein für die klimaneutrale Baubranche bis 2045.

