Die deutsche Stahlindustrie steht vor einem Scheideweg: Entweder gelingt die Transformation zur klimaneutralen Produktion oder die Branche verliert im internationalen Wettbewerb zunehmend an Boden. Die Salzgitter AG, einer der bedeutendsten Stahlhersteller in Europa, hat sich zur grünen Transformation bekannt. Doch zwischen Ankündigung und Umsetzung liegen erhebliche technologische und wirtschaftliche Herausforderungen, die den Erfolg der Dekarbonisierung maßgeblich beeinflussen werden.

Die Ausgangslage: Warum die Stahlindustrie unter Druck steht

Die Stahlerzeugung gehört zu den energieintensivsten und CO2-reichsten Industrieprozessen weltweit. Konventionelle Hochofenrouten verursachen pro Tonne Rohstahl etwa 1,8 bis 2,0 Tonnen CO2-Emissionen. In Deutschland werden jährlich rund 40 Millionen Tonnen Rohstahl produziert, die Stahlindustrie verantwortet damit etwa 30 Prozent der industriellen CO2-Emissionen. Der europäische Emissionshandel und verschärfte Klimaziele setzen die Branche zunehmend unter Regulierungsdruck.

Für die Bauindustrie ist diese Entwicklung von zentraler Bedeutung. Baustahl und Bewehrungsstahl sind unverzichtbare Werkstoffe für moderne Tragkonstruktionen. Die CO2-Bilanz von Bauwerken wird künftig stärker in Ausschreibungen und Zertifizierungen einfließen. Bauunternehmen und Einkäufer suchen daher nach grünen Stahlalternativen, die sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich vertretbar sind.

Salzgitters Dekarbonisierungsstrategie: Der SALCOS-Ansatz

Die Salzgitter AG verfolgt mit dem Programm SALCOS (Salzgitter Low CO2 Steelmaking) einen schrittweisen Umstieg auf wasserstoffbasierte Direktreduktion. Das Konzept sieht vor, die bestehenden Hochöfen durch Direktreduktionsanlagen zu ersetzen, die statt Koks und Kohle künftig grünen Wasserstoff als Reduktionsmittel einsetzen. Der entstehende Eisenschwamm wird anschließend in Elektrolichtbogenöfen eingeschmolzen.

Der Ansatz ist technologisch etabliert, allerdings bislang nur mit Erdgas als Reduktionsmittel im industriellen Maßstab erprobt. Die Umstellung auf reinen Wasserstoff erfordert umfangreiche Anpassungen der Anlagentechnik, der Logistik und der Energieversorgung. Salzgitter plant, bis 2033 die erste Ausbaustufe mit einer Kapazität von rund 3 Millionen Tonnen grünem Stahl zu realisieren. Bis 2045 soll die gesamte Produktion klimaneutral erfolgen.

Technologische Hürden: Wasserstoff als Engpass

Die zentrale Herausforderung der Dekarbonisierung liegt in der Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff. Für die Produktion einer Tonne Rohstahl werden etwa 50 bis 70 Kilogramm Wasserstoff benötigt. Bei einer Jahresproduktion von mehreren Millionen Tonnen summiert sich der Bedarf auf Größenordnungen, die derzeit weder in Deutschland noch in Europa verfügbar sind. Die bestehende Elektrolysekapazität reicht bei weitem nicht aus, um den Bedarf der Stahlindustrie zu decken.

Hinzu kommt die Frage der Transportinfrastruktur. Wasserstoff muss entweder über Pipelines oder in verflüssigter Form angeliefert werden. Beide Varianten erfordern erhebliche Investitionen in neue Infrastrukturen, die bislang nur in Ansätzen existieren. Die Abhängigkeit von Wasserstoffimporten aus Nordafrika oder dem Nahen Osten birgt zudem geopolitische Risiken, die die Versorgungssicherheit beeinträchtigen könnten.

Ein weiteres technisches Problem betrifft die Energieversorgung der Elektrolichtbogenöfen. Diese benötigen für den Schmelzprozess große Mengen elektrischer Energie. Die Integration solcher Großverbraucher in das bestehende Stromnetz erfordert nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch die Stabilisierung der Netzfrequenz und die Bereitstellung von Regelleistung.

Investitionen und Fördermittel: Wer trägt die Kosten?

Die Umstellung auf grüne Stahlproduktion erfordert Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe. Salzgitter rechnet allein für die erste Ausbaustufe mit Kosten von mehreren Milliarden Euro. Ein erheblicher Teil dieser Summe soll über staatliche Förderprogramme finanziert werden. Die Bundesregierung hat Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds zugesagt, doch die Genehmigungsverfahren sind komplex und zeitaufwendig.

Die Wirtschaftlichkeit grünen Stahls hängt maßgeblich von den Produktionskosten ab. Derzeit liegt der Preis für wasserstoffbasierten Stahl deutlich über dem konventioneller Produktion. Solange die CO2-Preise im europäischen Emissionshandel nicht ausreichend steigen und grüner Wasserstoff teuer bleibt, ist grüner Stahl nur schwer wettbewerbsfähig. Bauunternehmen und Einkäufer stehen damit vor der Frage, ob sie bereit sind, Aufpreise für klimaneutralen Baustahl zu zahlen.

Markdynamik: Wettbewerb um grünen Stahl verschärft sich

Salzgitter steht nicht allein im Rennen um die Dekarbonisierung. Europäische Konkurrenten wie ArcelorMittal, Thyssenkrupp und SSAB verfolgen eigene Strategien. Der schwedische Stahlkonzern SSAB hat bereits in Pilotanlagen Wasserstoffstahl produziert und strebt eine kommerzielle Skalierung an. Auch Thyssenkrupp investiert massiv in die Umstellung seiner Duisburger Werke.

Die Erfahrungen aus der Zementindustrie zeigen, dass Dekarbonisierung nur gelingt, wenn Technologie, Infrastruktur und Regulierung Hand in Hand gehen. Grüner Stahl von SSAB wird bislang vor allem in Pilotprojekten eingesetzt, eine breite Marktdurchdringung steht noch aus. Ähnlich wie bei Holcim und der Dekarbonisierungs-Challenge in der Zementindustrie zeigen sich auch bei Salzgitter erhebliche Umsetzungshürden.

Regulierung und Marktanreize: Wird grüner Stahl zum Standard?

Die europäische Regulierung spielt eine Schlüsselrolle für die Marktfähigkeit grünen Stahls. Der CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) soll Importstahl aus Drittländern mit höheren CO2-Emissionen verteuern und so europäischen Herstellern einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um die Mehrkosten grüner Produktion zu kompensieren, bleibt abzuwarten.

Für Bauunternehmen und Einkäufer bedeutet die Transformation der Stahlindustrie eine neue Entscheidungssituation. Grüner Stahl wird künftig als Differenzierungsmerkmal in Ausschreibungen gefordert werden. Zertifizierungen nach DGNB oder LEED bewerten zunehmend die CO2-Bilanz verbauter Materialien. Wer frühzeitig auf klimaneutralen Bewehrungsstahl setzt, kann sich Wettbewerbsvorteile sichern.

Allerdings fehlt bislang eine einheitliche Kennzeichnung für grünen Stahl. Während in der Zementindustrie bereits Ökobilanzen und Umweltproduktdeklarationen etabliert sind, steht die Stahlindustrie hier noch am Anfang. Transparente Nachweise über die CO2-Intensität einzelner Chargen sind derzeit die Ausnahme.

Lieferketten und Verfügbarkeit: Was Einkäufer beachten müssen

Die Verfügbarkeit grünen Stahls wird in den kommenden Jahren begrenzt bleiben. Selbst wenn Salzgitter und andere Hersteller ihre Planungen umsetzen, wird die Produktionskapazität zunächst nur einen Bruchteil des Gesamtmarktes abdecken. Bauunternehmen sollten daher frühzeitig Lieferverträge abschließen und langfristige Partnerschaften mit Stahlherstellern aufbauen.

Die Preisdynamik bleibt schwer vorhersehbar. Solange grüner Wasserstoff knapp und teuer ist, werden die Aufpreise für klimaneutralen Stahl hoch bleiben. Erst wenn die Skalierung gelingt und die Infrastruktur ausgebaut ist, können die Kosten sinken. Einkäufer müssen diese Unsicherheit in ihre Kalkulation einbeziehen und gegebenenfalls Preisgleitklauseln vereinbaren.

Fazit: Realistische Dekarbonisierung oder grüne Wunschvorstellung?

Die Dekarbonisierung der Salzgitter AG ist technologisch machbar, steht aber vor erheblichen Umsetzungshürden. Die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff, die Finanzierung der Investitionen und die Wettbewerbsfähigkeit grünen Stahls sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Ohne massive staatliche Förderung, den Ausbau der Energieinfrastruktur und klare regulatorische Rahmenbedingungen wird die Transformation nicht in der geplanten Geschwindigkeit gelingen.

Für die Bauindustrie bedeutet die Stahlwende sowohl Herausforderung als auch Chance. Wer frühzeitig auf klimaneutralen Baustahl setzt, kann sich als Vorreiter positionieren und von steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen profitieren. Gleichzeitig müssen Bauunternehmen und Einkäufer die Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit grünen Stahls realistisch einschätzen. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Salzgitter AG und andere Stahlkonzerne ihre ambitionierten Ziele tatsächlich erreichen können.