Chloridinduzierte Bewehrungskorrosion beschreibt die lokale Zerstörung der schützenden Passivschicht des Bewehrungsstahls durch eindringende Chloridionen. Die Folge sind Lochfraß, Rissbildung und Abplatzungen, die die Tragfähigkeit von Stahlbetonbauteilen gefährden. Chloride stammen aus Tausalzen, Meerwasser oder industriellen Quellen und gelangen über den Porenraum in die Zementmatrix.

Ab einem materialspezifischen Schwellenwert wird die Passivschicht lokal aufgehoben – ein Schaden, der sich vom flächigen Abtrag bei Karbonatisierung deutlich unterscheidet. Chloridionen durchdringen dichten Beton durch Diffusion, kapillares Saugen oder Rissbildung und reichern sich an der Stahloberfläche an. Sie durchbrechen lokal die Passivschicht. Anders als bei der Karbonatisierung entsteht bei chloridinduzierter Korrosion ein lokaler Angriff – der sogenannte Lochfraß. Dieser Mechanismus ist besonders gefährlich, weil er die Tragfähigkeit konzentriert schwächt, während die Umgebung intakt bleibt.

Der chloridkritische Schwellenwert bezeichnet die Konzentration freier Chloridionen im Beton, ab der die Depassivierung des Bewehrungsstahls einsetzt. Fachlich ist zwischen frei verfügbaren und chemisch gebundenen Chloriden zu unterscheiden: Nur die freien Ionen sind korrosiv aktiv. Gebundene Chloride in der Zementmatrix tragen nicht unmittelbar zur Korrosion bei, können aber bei pH-Wert-Absenkung freigesetzt werden.

Schutzstrategien setzen an drei Punkten an: Materialtechnologie, konstruktiver Schutz und Überwachung. Dichte Betone mit niedrigem Wasser-Zement-Wert, Zusatzstoffen wie Hüttensand oder Flugasche sowie Luftporenbildnern verlangsamen die Chloriddiffusion. Zusätzliche Betondeckung erhöht die Diffusionszeit bis zur Stahloberfläche. Oberflächenschutzsysteme wie Beschichtungen oder Imprägnierungen bilden eine zusätzliche Barriere. In besonders exponierten Bereichen kommen kathodischer Korrosionsschutz oder nichtrostende Bewehrungsstähle zum Einsatz.

In der Praxis treten Karbonatisierung und Chloridbeaufschlagung häufig gemeinsam auf. Karbonatisierung senkt den pH-Wert im Porenraum und kann chemisch gebundene Chloride freisetzen. Dadurch sinkt der kritische Chloridschwellenwert – die Korrosion setzt früher ein. Diese Synergie macht die Schadensdiagnose komplex und erfordert differenzierte Analysen von Chloridprofil, Karbonatisierungstiefe und pH-Wert.