Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat ihre Zertifizierungsstandards für Neubauten grundlegend überarbeitet. Die Änderungen betreffen vor allem die Anforderungen an Materialauswahl, Lebenszyklusbetrachtung und Kreislaufwirtschaft. Für Planer, Architekten und Investoren bedeutet das: Die bisher praktizierten Routinen bei der Nachweisführung müssen angepasst werden.
Im Zentrum der Überarbeitung steht eine stärkere Gewichtung der CO₂-Bilanzierung über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Während bisher vor allem der Betriebsenergiebedarf im Fokus stand, rücken nun die grauen Emissionen aus Herstellung, Transport und Entsorgung der Baustoffe stärker in den Vordergrund. Das hat direkte Auswirkungen auf die Materialwahl: Hochfeste Betone mit hohem Zementanteil oder energieintensive Dämmstoffe werden kritischer bewertet, während zirkuläre Bauweisen und wiederverwendbare Konstruktionen Bonuspunkte bringen.
Für die Dokumentation fordert die DGNB künftig detailliertere Environmental Product Declarations (EPD) für alle wesentlichen Bauprodukte. Das betrifft nicht nur tragende Elemente wie Beton, Baustahl oder Brettsperrholz (CLT), sondern auch Dämmstoffe, Fassadenmaterialien und Innenausbauprodukte. Hersteller ohne vollständige EPD-Daten könnten künftig bei zertifizierten Projekten Nachteile haben.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Rückbaubarkeit. Neubauten müssen nachweisen, dass Konstruktionen reversibel gefügt sind und Materialien sortenrein getrennt werden können. Das favorisiert mechanische Verbindungen gegenüber verklebten Systemen und modulare Bauweisen gegenüber monolithischen Lösungen. Besonders der mehrgeschossige Holzbau profitiert von dieser Anforderung, da Holzkonstruktionen in der Regel gut rückbaubar sind.
Die verschärften Kriterien dürften die Baukosten zunächst erhöhen, da aufwendigere Planung und höherwertige Materialien erforderlich sind. Gleichzeitig steigt aber auch der Marktwert nachhaltig zertifizierter Immobilien, da institutionelle Investoren zunehmend ESG-Kriterien in ihre Ankaufsentscheidungen einbeziehen. Projekte mit DGNB-Gold oder -Platin erreichen bereits heute höhere Verkaufs- und Mietpreise.
Für Baustoffhersteller bedeutet die Überarbeitung einen Innovationsdruck: Wer keine transparenten Ökobilanzen liefern kann oder keine Recyclingbaustoffe im Portfolio hat, verliert Marktanteile bei hochwertigen Neubauprojekten. Die Berlin Hyp hat bereits gezeigt, wie ambitionierte Zertifizierungen zum Wettbewerbsvorteil werden können.

