Die Herbert Hänchen GmbH feiert 2026 ihr 100-jähriges Bestehen. Ein Jahrhundert Unternehmensgeschichte ist mehr als eine Aneinanderreihung von Jahreszahlen – es ist ein Abbild der tiefgreifenden Veränderungen, die die Bauindustrie seit 1926 durchlaufen hat. Von handwerklicher Fertigung über die Industrialisierung des Bauens bis zur heutigen Digitalisierung: Die Geschichte von Hänchen spiegelt exemplarisch wider, wie traditionsreiche Mittelständler Krisen, Technologiesprünge und Marktverwerfungen überstehen mussten.

Von der Gründung bis zur Nachkriegszeit: Aufbau in Trümmern

1926 gegründet, fiel die Anfangsphase von Hänchen in eine Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit. Die Weimarer Republik kämpfte mit Inflation, die Bauindustrie erlebte dennoch einen Boom durch den Wohnungsbau der 1920er-Jahre. Während dieser Ära etablierten sich neue Baustoffe wie Stahlbeton und Kalksandstein als Alternativen zu traditionellen Materialien. Unternehmen, die sich früh auf industrielle Fertigung und genormte Bauteile einstellten, verschafften sich Wettbewerbsvorteile.

Die Kriegsjahre und die unmittelbare Nachkriegszeit stellten die Existenz vieler Betriebe infrage. Zerstörte Produktionsstätten, Materialmangel und unterbrochene Lieferketten prägten die 1940er-Jahre. Der Wiederaufbau ab 1948 löste jedoch eine beispiellose Nachfrage nach Baustoffen und Bauelementen aus. Wer überlebt hatte, konnte in dieser Phase wachsen – vorausgesetzt, die Produktionskapazitäten wurden schnell wiederhergestellt.

Industrialisierung und Normung: Die 1950er bis 1980er Jahre

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von der zunehmenden Normung und Standardisierung im Bauwesen. DIN-Normen für Beton, Zement und Bauteile schufen einheitliche Qualitätsstandards – und erhöhten gleichzeitig den Druck auf Hersteller, diese Vorgaben kosteneffizient umzusetzen. Parallel dazu gewann die Vorfertigung an Bedeutung: Betonfertigteile und industriell gefertigte Bauelemente verkürzten Bauzeiten und senkten Kosten.

Für Mittelständler wie Hänchen bedeutete dies, dass sie entweder in moderne Produktionsanlagen investieren oder durch Spezialisierung Nischen besetzen mussten. Unternehmen, die generische Massenprodukte herstellten, gerieten unter Preisdruck; wer technische Lösungen für spezifische Anwendungen bot, konnte sich differenzieren.

Die Ölkrisen der 1970er-Jahre leiteten zudem ein Umdenken in der Bauindustrie ein. Energieeffizienz wurde zum Thema, erste Wärmedämmstandards wurden eingeführt. Die Nachfrage nach Dämmstoffen stieg, und Hersteller, die frühzeitig auf energetisch optimierte Bauteile setzten, gewannen Marktanteile.

Wiedervereinigung und Europäisierung: Marktöffnung und Wettbewerbsdruck

Die deutsche Wiedervereinigung 1990 brachte kurzfristig einen Bauboom in den neuen Bundesländern. Gleichzeitig öffnete sich der europäische Binnenmarkt, was den Wettbewerb verschärfte. CE-Kennzeichnung, europäische technische Zulassungen (ETA) und harmonisierte Normen ersetzten nationale Regelwerke. Für mittelständische Hersteller bedeutete dies höhere Zertifizierungskosten und den Zwang, international wettbewerbsfähig zu bleiben.

In dieser Phase trennten sich die Wege vieler traditionsreicher Unternehmen: Einige wurden übernommen, andere spezialisierten sich weiter oder internationalisierten ihre Vertriebsstrukturen. Die Fähigkeit, sich an veränderte regulatorische Rahmenbedingungen anzupassen, wurde zum Überlebensfaktor.

Nachhaltigkeit und Digitalisierung: Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

Seit den 2000er-Jahren dominieren zwei Megatrends die Bauindustrie: Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Die Einführung von Umweltzertifikaten wie EPD (Environmental Product Declarations), die Verschärfung der Energiestandards durch das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und die wachsende Nachfrage nach Recyclingbaustoffen stellen neue Anforderungen an Hersteller.

Gleichzeitig revolutioniert die Digitalisierung Planung und Fertigung. Building Information Modeling (BIM) fordert von Zulieferern digitale Produktdaten, automatisierte Produktionslinien senken Fertigungskosten, und transparente Lieferketten werden zum Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die in diesen Bereichen nicht investieren, riskieren den Anschluss.

Die aktuelle Bauwirtschaftskrise – gekennzeichnet durch sinkende Baugenehmigungen, steigende Materialpreise und Fachkräftemangel – testet die Resilienz der Branche erneut. Wer jetzt überlebt, muss flexibel auf Nachfrageschwankungen reagieren, Kostenstrukturen optimieren und gleichzeitig in Innovationen investieren. Genau diese Balance gelang Hänchen offenbar über 100 Jahre hinweg.

Lehren für die Bauindustrie: Was macht Langlebigkeit aus?

Die Geschichte von Hänchen zeigt, dass Langlebigkeit im Baustoffsektor auf mehreren Faktoren beruht. Erstens: Anpassungsfähigkeit an regulatorische und technologische Veränderungen. Wer Normen, Energiestandards und Zertifizierungsanforderungen nicht als Bürde, sondern als Innovationstreiber begreift, verschafft sich Vorteile.

Zweitens: Spezialisierung statt Massenproduktion. In einem Markt, der von Großkonzernen wie Heidelberg Materials, Holcim oder Knauf dominiert wird, können Mittelständler durch technische Expertise und Nischenlösungen bestehen.

Drittens: Finanzielle Solidität und konservatives Wachstum. Familiengeführte Unternehmen, die nicht kurzfristigen Renditeerwartungen folgen, überstehen Krisen oft besser als kapitalmarktorientierte Wettbewerber. Ein Blick auf die Geschichte des 100-jährigen Sauerländer Mittelständlers Rötelmann bestätigt dieses Muster.

Viertens: Regionale Verwurzelung und Kundennähe. Unternehmen, die enge Beziehungen zu Verarbeitern, Planern und Bauunternehmen pflegen, profitieren von stabilen Auftragseingängen – selbst in konjunkturellen Abschwüngen.

Ausblick: Die nächsten 100 Jahre?

Ob Hänchen weitere 100 Jahre bestehen wird, hängt davon ab, wie das Unternehmen die aktuellen Transformationen meistert. Die Dekarbonisierung der Bauindustrie, der Übergang zu zirkulärem Bauen und die Digitalisierung der Wertschöpfungskette werden die Spielregeln neu definieren. Unternehmen, die heute in nachhaltige Produktionsverfahren, digitale Infrastruktur und Fachkräfteentwicklung investieren, erhöhen ihre Chancen, auch die nächsten Disruptionen zu überstehen.

Das 100-jährige Jubiläum von Hänchen ist nicht nur ein Anlass zur Feier, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Resilienz kein Zufall ist – sondern das Ergebnis von strategischer Weitsicht, operativer Exzellenz und der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden.

Quellen