Die Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ) hat Beton und Zement als Schlüsselmaterialien für die Klimaresilienz in den Mittelpunkt ihrer Kommunikationsstrategie gerückt. Das wirft grundsätzliche Fragen auf: Kann ein Baustoff, dessen Herstellung zu den größten industriellen CO₂-Quellen zählt, gleichzeitig als Lösung für die Folgen der Erderwärmung fungieren? Und wo verläuft die Grenze zwischen berechtigtem Hinweis auf Anpassungsleistungen und Greenwashing?

Die Doppelrolle von Zement: Emittent und Resilienz-Werkstoff

Die globale Zementproduktion verursacht rund 8 % der weltweiten CO₂-Emissionen – mehr als der gesamte Flugverkehr. Der größte Teil stammt aus der Herstellung von Klinker, dem Hauptbestandteil von Portlandzement. Im Brennprozess bei circa 1.450 °C wird Kalkstein (CaCO₃) zu Calciumoxid (CaO) umgewandelt; dabei entweicht prozessbedingt CO₂. Hinzu kommen Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger.

Gleichzeitig ist Beton der meistverwendete Baustoff weltweit. Seine Eigenschaften – hohe Druckfestigkeit, Dauerhaftigkeit, Brandbeständigkeit der Klasse A1, Beständigkeit gegen Extremwetter – machen ihn für Infrastruktur, Hochwasserschutz, urbane Verdichtung und tragende Konstruktionen nahezu alternativlos. Die VÖZ argumentiert, dass gerade diese Eigenschaften Beton zu einem unverzichtbaren Werkzeug für die Anpassung an den Klimawandel machen.

Argumente der Branche: Hochwasserschutz, Hitzestabilität, Langlebigkeit

Die Positionierung der VÖZ stützt sich auf mehrere Säulen. Erstens: Stahlbeton ermöglicht den Bau von Hochwasserschutzmauern, Retentionsbecken und Rückhaltedämmen, die bei Starkregen Schäden verhindern. Zweitens: Betonbauwerke zeigen hohe thermische Masse – sie speichern Wärme und geben sie verzögert ab, was in sommerlichen Hitzewellen die Innenraumtemperaturen stabilisiert. Drittens: Die Lebensdauer von Beton liegt bei korrekter Ausführung und Expositionsklasse bei mehreren Jahrzehnten bis über 100 Jahren, was die Lebenszyklusemissionen relativiert.

Diese Argumente sind technisch nicht falsch. Sie decken allerdings nur die Anpassungsseite (Adaptation) ab, nicht die Vermeidungsseite (Mitigation). Während die Branche die Resilienzleistungen betont, bleibt die Frage offen: Wie schnell kann die Zementindustrie ihre eigenen Emissionen senken, um nicht weiterhin zur Beschleunigung der Klimakrise beizutragen?

Die Emissionsrealität: Fortschritte und strukturelle Barrieren

Die Zementbranche hat in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt. Der Einsatz alternativer Brennstoffe – etwa Altreifen, Klärschlamm, Ersatzbrennstoffe aus Kunststoff – reduziert den fossilen Anteil. Der Klinkerfaktor wird durch Beimischung von Hüttensand oder Flugasche gesenkt, was zu Zementsorten wie CEM II oder CEM III führt. Diese Maßnahmen können den CO₂-Fußabdruck um 20–30 % reduzieren.

Die entscheidende Herausforderung liegt jedoch im prozessbedingten CO₂: Es entsteht chemisch bei der Kalzinierung von Kalkstein. Dieses CO₂ lässt sich nicht durch Brennstoffwechsel vermeiden. Lösungsansätze wie Carbon Capture and Storage (CCS) oder Carbon Capture and Utilization (CCU) befinden sich in der Pilotphase, sind jedoch energieintensiv, kostspielig und in der Skalierung ungewiss. Alternative Bindemittel – etwa auf Basis von Geopolymeren oder kalzinierten Tonen – sind technisch vielversprechend, aber normativ, wirtschaftlich und in der Lieferkette noch nicht flächendeckend verfügbar.

Ein Blick auf die österreichische Zementindustrie zeigt, dass die Branche gleichzeitig unter Absatzschwäche und Investitionsdruck leidet. Die Transformation erfordert zweistellige Milliardenbeträge – Geld, das bei rückläufigen Bauvolumina schwer zu mobilisieren ist.

Greenwashing-Risiko: Wo die Kommunikation problematisch wird

Die Positionierung von Beton als „Klimaretter" birgt die Gefahr, dass die Branche ihre eigene Verantwortung ausblendet. Wenn die Resilienzleistungen in den Vordergrund gerückt werden, ohne gleichzeitig konkrete, messbare Dekarbonisierungspfade zu benennen, entsteht der Verdacht des Greenwashings. Eine glaubwürdige Kommunikation müsste beide Seiten transparent machen: die Anpassungsleistung und den Emissionsreduktionspfad.

Ein Vergleich mit anderen Baustoffen ist hilfreich. Brettsperrholz (CLT) oder Brettschichtholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft binden CO₂ und ermöglichen – bei richtiger Planung – ebenfalls mehrgeschossigen Bau. Carbonbeton erlaubt durch den Verzicht auf Bewehrungsstahl deutlich schlankere Querschnitte und spart Material. UHPC (ultrahochfester Beton) reduziert das Volumen und damit den Zementgehalt pro Bauteil. Diese Alternativen zeigen, dass Resilienz nicht zwingend mit hohen Emissionen verbunden sein muss.

Regulatorische Rahmenbedingungen: CBAM, EPD, EU-Taxonomie

Die regulatorischen Anforderungen steigen. Die EU-Taxonomie für nachhaltige Investitionen definiert Kriterien für klimafreundliche Wirtschaftstätigkeiten. Das CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) wird ab 2026 CO₂-Kosten auf importierte Baustoffe erheben und damit auch die Wettbewerbsposition heimischer Hersteller beeinflussen. Environmental Product Declarations (EPDs) werden zur Pflicht, um die Umweltwirkungen von Bauprodukten transparent zu machen.

Für die Zementindustrie bedeutet das: Wer nicht nachweisen kann, dass er auf einem glaubwürdigen Dekarbonisierungspfad ist, wird künftig Marktanteile verlieren – an emissionsärmere Substitute, an ausländische Anbieter mit CCS-Infrastruktur oder an Bauherren, die bewusst auf CO₂-arme Materialien setzen. Die Heidelberg Materials und Holcim, zwei globale Zementkonzerne, investieren bereits in CCS-Projekte und alternative Bindemittel – Signale, die zeigen, dass die Branche den Handlungsdruck erkennt.

Technische Ansätze zur Emissionsreduktion: Stand der Technik

Die technischen Hebel zur CO₂-Reduktion lassen sich in drei Kategorien unterteilen:

1. Klinkersubstitution

Der Austausch von Klinker durch Zusatzstoffe wie Hüttensand, Flugasche oder kalzinierte Tone senkt den prozessbedingten CO₂-Ausstoß. CEM III (Hochofenzement) kann den Klinkeranteil auf unter 35 % reduzieren. Allerdings ist die Verfügbarkeit von Hüttensand begrenzt, da sie von der Stahlproduktion abhängt – und diese ist rückläufig. Flugasche aus Kohlekraftwerken wird ebenfalls knapper, da die Kohleverstromung zurückgeht.

2. Alternative Bindemittel

Geopolymere auf Basis von Alumosilikaten, LC³-Zemente (Limestone Calcined Clay Cement) oder Magnesium-basierte Bindemittel sind vielversprechend. Sie benötigen jedoch neue Normen, Prüfverfahren und Baustellenpraxis. Die Zulassung über abZ (allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen) oder ETA (European Technical Assessment) dauert Jahre.

3. Carbon Capture and Storage (CCS)

CCS trennt CO₂ aus dem Abgasstrom und lagert es unterirdisch ein. Die Technik ist erprobt, aber energieintensiv und erfordert geologische Lagerstätten sowie Pipeline-Infrastruktur. In Österreich gibt es bislang keine CCS-Projekte im industriellen Maßstab.

Praxisperspektive: Was bedeutet das für Planer und Bauherren?

Für Architekten, Ingenieure und Bauherren ist die Situation komplex. Einerseits bleibt Beton in vielen Anwendungen – Brücken, Tiefgaragen, Industrieböden, Fundamente – alternativlos. Andererseits steigt der Druck, die Gesamtemissionen eines Gebäudes zu reduzieren, etwa durch das GEG (Gebäudeenergiegesetz) oder durch Zertifizierungssysteme wie DGNB.

Die Empfehlung lautet: Gezielt emissionsarme Zementsorten spezifizieren (CEM II, CEM III), Recyclingbaustoffe einsetzen, wo normativ zulässig, und Beton nur dort einsetzen, wo seine spezifischen Eigenschaften – Druckfestigkeit, Dauerhaftigkeit, Brandschutz – tatsächlich erforderlich sind. Hybridkonstruktionen aus Holz, Stahl und Beton können Emissionen senken, ohne Kompromisse bei der Tragfähigkeit einzugehen.

Fazit: Resilienz ja, aber nur mit Dekarbonisierungspfad

Die Argumente der VÖZ zur Klimaresilienz von Beton sind nicht unbegründet. Beton leistet einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an Extremwetter, Hochwasser und Hitze. Doch diese Anpassungsleistung kann die enormen Emissionen der Zementproduktion nicht kompensieren. Eine glaubwürdige Positionierung erfordert, dass die Branche parallel zu den Resilienz-Argumenten konkrete, messbare und terminierte Dekarbonisierungsziele kommuniziert – inklusive Investitionen in CCS, alternative Bindemittel und Kreislaufwirtschaft.

Ohne diesen doppelten Ansatz bleibt die Rede vom „Klimaretter Beton" eine riskante Kommunikationsstrategie, die den Verdacht des Greenwashings nährt. Die technischen Lösungen existieren – die Frage ist, wie schnell die Branche sie skaliert und finanziert. Für Planer und Bauherren bedeutet das: kritisch spezifizieren, EPDs verlangen und Alternativen prüfen. Nur so kann Beton Teil der Lösung werden, statt Teil des Problems zu bleiben.

Weitere Einordnungen zur österreichischen Zementindustrie finden Sie in unserem Artikel Österreichs Zementindustrie: Wer produziert hinter dem VÖZ-Verband?. Einen Überblick über technische Ansätze zur CO₂-Reduktion bietet unser Themen-Portal CO₂-neutraler Beton.

Quellen