Der Ziegelhersteller Wienerberger Deutschland hat ein digitales Planungstool für seine Ziegel-Produktlinie Poroton online gestellt. Das webbasierte Werkzeug soll Architekten und Planern die Auswahl und Spezifikation von Mauerwerkslösungen erleichtern – von der Festlegung der statischen Anforderungen über die Wahl der Wandstärke bis zur automatischen Generierung von Ausschreibungstexten. Die Frage ist weniger, ob das Tool funktioniert, sondern ob es Wienerberger einen strategischen Vorsprung im umkämpften Markt für monolithische Mauerwerksprodukte verschafft – oder ob digitale Produktkonfiguratoren inzwischen zur Grundausstattung gehören, die jeder Hersteller bieten muss.
Funktionsumfang: Von der Wandstärke bis zur AVA-Datei
Das Poroton-Planungstool richtet sich primär an Architekten und Fachplaner in der Entwurfs- und Ausführungsplanung. Nutzer geben zunächst die Rahmenbedingungen des Projekts ein: Gebäudehöhe, Geschosszahl, Nutzungsart, regionale Windlast sowie die angestrebte energetische Qualität – etwa KfW-Effizienzhaus-Standard oder die Anforderungen nach GEG. Auf Basis dieser Parameter filtert die Software geeignete Poroton-Produkte aus dem Wienerberger-Portfolio und schlägt Wandaufbauten vor, die die statischen und bauphysikalischen Vorgaben erfüllen.
Technisch werden dabei U-Wert, Schallschutzwerte nach DIN 4109, Feuerwiderstandsklassen sowie die Druckfestigkeit der Ziegel abgeglichen. Die Software berechnet automatisch, ob ein monolithischer Wandaufbau ohne zusätzliche Dämmung ausreicht oder ob ein zweischaliger Aufbau mit Dämmstoff-Ergänzung erforderlich ist. Am Ende steht ein Vorschlag, der neben der Produktbezeichnung auch Lagerfugen-Mörtel, Verarbeitungshinweise und optional fertige Texte für Leistungsverzeichnisse (GAEB-Format) umfasst.
Digitalisierung als Hygienefaktor: Was macht Wienerberger anders?
Digitale Planungshilfen für Baustoffe sind längst keine Neuheit mehr. Hersteller wie Xella bieten seit Jahren Konfiguratoren für Porenbeton an, Knauf stellt umfangreiche BIM-Objekte und Wandaufbau-Rechner für Gipskartonplatten bereit. Auch ROCKWOOL und ISOVER bieten webbasierte Tools zur Auswahl von Dämmstoffen nach U-Wert und Brandschutzklasse.
Was Wienerberger hier vorlegt, ist also weniger eine Pionierleistung als ein notwendiger Schritt, um im Wettbewerb nicht zurückzufallen. Entscheidend wird sein, wie tief die Integration in die Planungssoftware der Anwender reicht: Lässt sich das Tool nahtlos mit BIM-Plattformen wie Autodesk Revit oder ArchiCAD verknüpfen? Werden die Ausgabedaten als IFC-konforme Elemente exportierbar sein, oder bleibt es bei PDF- und GAEB-Ausgaben, die manuell nachbearbeitet werden müssen? Diese Fragen sind für die Akzeptanz bei Planungsbüros, die bereits voll digitalisierte Workflows etabliert haben, entscheidend.
Strategischer Nutzen: Kundenbindung durch Komfort
Aus Herstellersicht liegt der eigentliche Vorteil eines solchen Tools nicht in der technischen Innovation, sondern in der Kundenbindung. Wer als Planer ein Projekt mit einem herstellerspezifischen Konfigurator startet, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, am Ende auch die Produkte dieses Herstellers auszuschreiben. Das gilt besonders dann, wenn das Tool bereits normkonforme Ausschreibungstexte generiert und die AVA-Abteilung des Büros dadurch Zeit spart.
Ein weiterer Aspekt ist die Qualifizierung der Anfragen: Wenn Architekten bereits in der Vorplanung prüfen können, ob ein Poroton-Mauerwerk die energetischen und statischen Anforderungen erfüllt, sinkt das Risiko von Fehlspezifikationen und nachträglichen Änderungen. Für Wienerberger bedeutet das weniger Rückfragen im technischen Support und eine höhere Conversion-Rate von Anfragen zu tatsächlichen Aufträgen.
Wettbewerbsumfeld: Wie positioniert sich Wienerberger gegen Kalksandstein und Porenbeton?
Wienerberger konkurriert im Segment der massiven Wandbaustoffe nicht nur mit anderen Ziegelherstellern wie Röben, Erlus oder Creaton, sondern auch mit alternativen Mauerwerksmaterialien: Kalksandstein, Porenbeton und zunehmend auch mit Holzbausystemen wie Brettsperrholz (CLT) oder Holzrahmenbau-Elementen.
Während Porenbeton-Hersteller mit niedrigem Gewicht und einfacher Verarbeitung punkten, setzt Wienerberger auf die Stärken des monolithischen Ziegelbaus: hohe Speichermasse, guter sommerlicher Wärmeschutz, Schallschutz und Brandbeständigkeit. Ein digitales Planungstool kann diese Materialeigenschaften in einem frühen Projektstadium transparent machen und damit die Entscheidung zugunsten von Ziegel beeinflussen – vorausgesetzt, das Tool liefert nicht nur Produktdaten, sondern auch Argumente für die Bauherrengespräche: Lebenszykluskosten, Rückbaubarkeit, regionale Verfügbarkeit.
Offene Fragen: Integration und Datenqualität
Zwei Aspekte werden über den Erfolg des Tools entscheiden: Erstens die Aktualität der hinterlegten Produktdaten. Normwerte, Zulassungen und EPD-Angaben ändern sich regelmäßig – nur wenn Wienerberger das Tool kontinuierlich pflegt, bleibt es für Planer verlässlich. Zweitens die Nutzerfreundlichkeit: Wie viele Eingaben sind nötig, bis ein brauchbares Ergebnis ausgegeben wird? Tools, die zu viele Detailfragen stellen, werden in der Praxis gemieden.
Ein weiterer Punkt ist die Transparenz bei den Annahmen: Wenn das Tool etwa einen U-Wert berechnet, sollte es offenlegen, welche Wärmeleitfähigkeit (Lambda-Wert) zugrunde gelegt wurde und ob Wärmebrücken pauschal abgeschätzt oder projektspezifisch berücksichtigt werden. Nur so können Planer nachvollziehen, ob die Ergebnisse für ihren konkreten Anwendungsfall belastbar sind.
Fazit: Notwendiger Schritt, kein Alleinstellungsmerkmal
Das Poroton-Planungstool von Wienerberger ist eine sinnvolle Ergänzung der digitalen Serviceleistungen des Herstellers und dürfte die Effizienz in der Planungsphase erhöhen. Als strategischer Wettbewerbsvorteil taugt das Tool jedoch nur, wenn es entweder deutlich leistungsfähiger ist als die Konkurrenz-Tools – etwa durch tiefe BIM-Integration oder Echtzeitanbindung an Verfügbarkeits- und Lieferdaten – oder wenn es konsequent in ein Ökosystem aus Schulungen, technischem Support und projektbegleitender Beratung eingebettet wird. Andernfalls bleibt es ein nützliches, aber austauschbares Feature in einem Markt, in dem ohnehin alle großen Hersteller digitale Planungshilfen anbieten.
Für Architekten und Planer bedeutet das: Ein Werkzeug mehr, das die Materialauswahl beschleunigen kann – solange die Daten stimmen und der Workflow passt. Wer bereits in einem anderen System arbeitet, wird kaum umsteigen. Wer noch keine digitale Lösung für die Mauerwerkswahl nutzt, könnte hier jedoch eine Arbeitserleichterung finden.

