Eine Entwicklung, die die Stahlindustrie prägen könnte: Während viele Hersteller noch über den Umstieg auf erneuerbare Energien diskutieren, hat der österreichische Stahlkonzern Voestalpine am Standort Mürztal bereits den Schritt zu grünem Strom vollzogen. Der Standort, der sich auf hochwertige Stahlprodukte spezialisiert hat, wird vollständig mit Strom aus erneuerbaren Quellen versorgt – ein Signal für die Branche, dass die Dekarbonisierung der Stahlproduktion nicht nur Zukunftsvision, sondern bereits praktizierte Realität sein kann.

Die Umstellung auf grünen Strom ist ein zentraler Baustein der Nachhaltigkeitsstrategie von Voestalpine. Für die Herstellung von Baustahl und Bewehrungsstahl, die in hohen Tonnagen für Infrastruktur- und Hochbauprojekte benötigt werden, ist der Energiebedarf enorm. Konventionelle Stahlproduktion über den Hochofenprozess verursacht erhebliche CO₂-Emissionen, da Koks als Reduktionsmittel dient. Der Einsatz von Grünstrom in Elektrolichtbogenöfen (EAF) reduziert die CO₂-Bilanz signifikant, sofern der Strom aus Wind-, Wasser- oder Solarkraft stammt. Planer und Bauingenieure, die Stahl mit niedriger Umweltbelastung spezifizieren möchten, sollten daher auf die Herkunft der Energie im Produktionsprozess achten, idealerweise dokumentiert durch eine EPD (Environmental Product Declaration).

Die Initiative am Standort Mürztal zeigt, dass die Transformation der Stahlindustrie auf mehreren Ebenen voranschreitet. Neben der Umstellung auf Grünstrom investiert die Branche zunehmend in Wasserstofftechnologien, die langfristig die kohlebasierte Direktreduktion ersetzen sollen – ein Ansatz, der unter dem Begriff Grüner Stahl diskutiert wird. Während Wasserstoff-basierte Verfahren wie das DRI-Verfahren noch in der Skalierungsphase sind, bietet die Nutzung erneuerbarer Energien in bestehenden Produktionsanlagen eine sofort wirksame Maßnahme zur CO₂-Reduktion.

Für Architekten und Baustoffhändler hat diese Entwicklung unmittelbare Relevanz: Mit der zunehmenden Bedeutung von CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) und nationalen Klimazielen wird die CO₂-Bilanz von Stahlprodukten zum kaufentscheidenden Kriterium. Hersteller, die bereits heute nachweisen können, dass ihre Produkte mit erneuerbarer Energie hergestellt wurden, verschaffen sich einen Marktvorteil. Der Standort Mürztal könnte damit zum Referenzprojekt für die Branche werden, insbesondere in Hinblick auf die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit von Grünstrom-basierten Produktionsprozessen.

Herausforderungen bestehen dennoch: Die Verfügbarkeit und Preisgestaltung von grünem Strom schwanken regional stark. Zudem müssen bestehende Produktionsanlagen teils erheblich umgerüstet werden, um die Integration erneuerbarer Energien zu ermöglichen. Die Branche beobachtet daher genau, wie sich die Kosten pro Tonne Stahl entwickeln und ob die Dekarbonisierung ohne staatliche Förderung wirtschaftlich darstellbar bleibt. Der Schritt von Voestalpine im Mürztal wird zeigen, ob das Modell skalierbar ist und auch für weitere Standorte in Europa adaptiert werden kann, wie etwa bei Salzgitter oder anderen Akteuren der Stahlindustrie.