Eine Entwicklung, die sowohl die Stahl- als auch die Zementindustrie dekarbonisieren könnte: Der schwedische Stahlkonzern SSAB hat eine strategische Kooperation mit Heidelberg Materials geschlossen, um CO₂-arme Zementlösungen aus Stahlschlacke zu entwickeln. Die Partnerschaft verbindet zwei Industrien, die zusammen für etwa 15 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, und könnte einen neuen Verwertungsweg für industrielle Nebenprodukte etablieren.

Stahlschlacke entsteht als mineralisches Nebenprodukt bei der Rohstahlerzeugung und weist durch ihren Calciumoxid- und Siliziumoxid-Gehalt bereits Eigenschaften auf, die für zementäre Anwendungen relevant sind. Bislang wird Schlacke vorwiegend im Straßenbau oder als Gesteinskörnung eingesetzt, selten jedoch als direkter Klinkerersatz in der Zementproduktion gemäß DIN EN 197-1. Die Kooperation zielt darauf ab, Schlacke aus SSABs fossilfreier Stahlproduktion – die auf Wasserstoff-Direktreduktion basiert – systematisch als Recyclingbaustoff in Zementformulierungen zu integrieren.

Für Heidelberg Materials könnte die Schlacke-Integration einen doppelten Vorteil bieten: Zum einen ließe sich der Klinkeranteil reduzieren, dessen Herstellung bei Temperaturen über 1.450 Grad Celsius extrem energieintensiv ist und rund 60 Prozent der CO₂-Emissionen in der Zementproduktion verursacht. Zum anderen ermöglicht die Verwendung industrieller Nebenprodukte eine verbesserte EPD-Bilanz, die für Ausschreibungen im öffentlichen Bau zunehmend relevant wird. Bereits heute werden Hüttensande aus konventioneller Hochofenroute als latent-hydraulische Zusatzstoffe nach DIN EN 15167-1 eingesetzt – die Schlacke aus wasserstoffbasierter Stahlproduktion könnte diesen Ansatz erweitern.

SSAB wiederum gewinnt durch die Partnerschaft einen zusätzlichen Absatzkanal für ein Nebenprodukt, das bislang nur begrenzt monetarisiert werden konnte. Die Verwertung von Stahlschlacke in der Zementindustrie könnte die Wirtschaftlichkeit der kostenintensiven Umstellung auf grünen Stahl verbessern – ein Aspekt, der für die Wettbewerbsfähigkeit fossilfreier Stahlproduktion entscheidend ist. Beide Unternehmen verfolgen ambitionierte Klimaziele: SSAB strebt bis 2045 eine vollständig fossilfreie Stahlproduktion an, Heidelberg Materials will bis 2050 klimaneutral werden.

Die Kooperation steht im Kontext einer wachsenden Zahl von Cross-Industry-Partnerschaften in der Baustoffindustrie. Ähnlich wie bei der geplanten Kreislaufwirtschaft zwischen SSAB und Heidelberg Materials zeigt sich, dass die Dekarbonisierung nicht mehr isoliert in einzelnen Sektoren, sondern systemisch über Wertschöpfungsketten hinweg gedacht wird. Planer sollten die Entwicklung verfolgen, da alternative Zementformulierungen zunehmend in technischen Regelwerken verankert und für projektspezifische Nachhaltigkeitszertifizierungen relevant werden.