Eine Kooperation, die Modellcharakter für die Integration von Recyclingbaustoffen in konventionelle Bauprozesse haben könnte: Austrotherm, Baumit und der Baukonzern PORR erproben gemeinsam mit dem Start-up ORBIS Development neue Bauansätze, die Kreislaufwirtschaft und Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen sollen. Das Pilotprojekt zielt darauf ab, erprobte Materialkombinationen und Prozessketten zu validieren, die sich später in standardisierte Ausschreibungen überführen lassen.
Der Ansatz unterscheidet sich von bisherigen Nachhaltigkeitsinitiativen durch die Einbindung eines jungen Unternehmens in die Entwicklungsarbeit etablierter Hersteller. ORBIS Development bringt digitale Planungstools und Datenmodelle zur Lebenszyklusanalyse ein, während Austrotherm als Dämmstoff-Spezialist und Baumit als Anbieter von Fassadenputzen und Wärmedämmverbundsystemen ihre Produktportfolios für zirkuläre Bauweisen anpassen. PORR übernimmt die bautechnische Umsetzung und liefert Praxisdaten zur Verarbeitbarkeit und Montageeffizienz.
Für Planer und Produktmanager ist insbesondere relevant, ob das Projekt belastbare EPD-Daten (Environmental Product Declaration) generieren kann, die sich in Zertifizierungssysteme wie DGNB oder LEED integrieren lassen. Die Herausforderung liegt darin, Rückbaufähigkeit und Materialreinheit bereits in der Planungsphase zu gewährleisten, ohne die Baukosten signifikant zu erhöhen. Gerade bei mehrschichtigen Systemen wie WDVS mit verschiedenen Klebstoffen, Armierungen und Putzen ist die sortenreine Trennung am Lebensende bislang eine offene Frage.
Die Partnerschaft folgt einem Trend, der sich auch bei anderen Baustoffherstellern abzeichnet: Die Zusammenarbeit mit Start-ups wird genutzt, um regulatorische Anforderungen an CO₂-Reduktion und Kreislaufwirtschaft schneller in marktfähige Lösungen zu übersetzen. Ähnliche Kooperationen wie jene zwischen Etex und Heidelberg Materials beim Faserzement-Recycling zeigen, dass industrielle Skalierung nur gelingt, wenn Materialströme, Logistik und Aufbereitungstechnologien frühzeitig abgestimmt werden.
Ob das Pilotprojekt konkrete Produktinnovationen oder standardisierte Prozessvorgaben liefern wird, bleibt abzuwarten. Entscheidend für die Breitenwirkung werden messbare Kennzahlen sein: Recyclingquoten in Masseprozent, CO₂-Einsparung pro Quadratmeter Fassadenfläche nach DIN EN 15804 und Mehrkosten gegenüber konventionellen Systemen. Erst wenn diese Daten vorliegen, lässt sich beurteilen, ob zirkuläre Bauweisen den Sprung von der Pilotphase in die Serienanwendung schaffen können.