Der österreichische Holzindustriekonzern Mayr-Melnhof Holz betreibt in Staříč bei Paskov im Nordosten Tschechiens das größte Sägewerk des Landes. Mit einem Jahreseinschnitt von 950.000 Festmetern Fichtenrundholz, einer Schnittholzproduktion von 560.000 Kubikmetern und zusätzlich 90.000 Tonnen Pellets jährlich zeigt der Standort, wie eine integrierte Vollverwertungsanlage wirtschaftlich und energetisch funktioniert. Die Anlage ging 2004 in Betrieb und wurde 2006 um ein Pelletwerk erweitert.
Welche Strategie steckt hinter dem Standort Paskov?
Mayr-Melnhof Holz verfolgt in Paskov ein Geschäftsmodell, das auf drei Säulen basiert: Schnittholzproduktion, Pelletfertigung und Energieerzeugung. Das Fichtenrundholz stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern der umliegenden, holzreichen Regionen. Der Standort ist PEFC-zertifiziert und verarbeitet ausschließlich regionales Rohmaterial. Damit vermeidet der Konzern lange Transportwege und sichert sich gleichzeitig Zugang zu großen Rohstoffvorkommen in Osteuropa – ein Vorteil gegenüber westeuropäischen Standorten mit fragmentierterer Waldstruktur.
Die strategische Bedeutung liegt in der Größe: Mit 950.000 Festmetern Jahreseinschnitt gehört das Werk zu den leistungsstärksten Sägewerken Europas. Zum Vergleich: Typische mitteleuropäische Sägewerke verarbeiten zwischen 200.000 und 500.000 Festmeter. Die Skalierung erlaubt niedrigere Stückkosten und macht Paskov zu einem zentralen Pfeiler in der europäischen Schnittholzversorgung des Konzerns.
Wie funktioniert die integrierte Vollverwertung?
Das Sägewerk ist direkt an das benachbarte Zellstoffwerk Biocel Paskov der Lenzing Gruppe gekoppelt. Hackgut, das beim Sägeprozess anfällt, wird per Fördertransport online – also ohne Zwischenlagerung – ins Zellstoffwerk übertragen. Diese direkte Kopplung minimiert Handlingkosten und sichert Biocel eine kontinuierliche Rohstoffversorgung für die Zellstoffproduktion.
Das werkseigene Biomassekraftwerk mit einer installierten Leistung von 32 Megawatt versorgt das Sägewerk, die Trockenkammern und das Pelletwerk mit Wärmeenergie. Diese Energieintegration ist entscheidend: Die Trocknung von Schnittholz auf die geforderten Feuchtigkeitsgrade (typischerweise 15–18 % für Konstruktionsholz) ist energieintensiv. Die Pelletsproduktion benötigt ebenfalls Wärme, um das Rohmaterial auf die notwendige Feuchte zu bringen und den Pressprozess zu ermöglichen. Durch die Verbrennung von Sägemehl, Rinde und weiteren Holzresten im eigenen Kraftwerk schließt Mayr-Melnhof den Energiekreislauf vor Ort.
Drei Produktlinien aus einer Rohstoffquelle
- Schnittholz: 560.000 Kubikmeter jährlich, überwiegend Fichte, für Konstruktions- und Holzbauanwendungen
- Pellets: 90.000 Tonnen pro Jahr unter der Marke MM royalpellets, primär für den Heizungsmarkt
- Hackgut: direkte Lieferung an Biocel Paskov für die Zellstoffproduktion
Diese Produktdiversifikation stabilisiert die Erlösstruktur: Während Konstruktionsvollholz und Brettschichtholz auf zyklische Baunachfrage reagieren, bleibt die Pelletnachfrage in der Heizsaison stabil. Die Hackgutlieferung an Lenzing ist vertraglich langfristig abgesichert.
Welche Rolle spielt Paskov im europäischen Netzwerk von Mayr-Melnhof Holz?
Mayr-Melnhof Holz betreibt ein europäisches Standortnetzwerk mit Werken in Österreich (Leoben, Gaishorn, Reuthe), Deutschland (Wismar, Olsberg) und Schweden (Bergkvist Siljan in Insjön und Blyberg). Paskov ist das einzige Werk in Osteuropa und damit Zugangstor zu tschechischen, slowakischen und polnischen Holzmärkten. Mit 263 Mitarbeitern gehört der Standort zu den größeren Einheiten im Konzern.
Die Standortwahl Tschechien bietet mehrere Vorteile: niedrigere Lohnkosten als in Westeuropa, Nähe zu großen Waldgebieten und EU-Binnenmarkt-Zugang für den Export nach Deutschland, Österreich und Italien. Tschechien ist der viertgrößte Schnittholzproduzent in der EU – Paskov trägt rund 10 % zur nationalen Schnittholzproduktion bei.
Welche technischen Details kennzeichnen den Standort?
Paskov verarbeitet ausschließlich Fichte – eine Holzart mit hoher Dimensionsstabilität, geringer Rohdichte (ca. 450–470 kg/m³) und guten Festigkeitswerten für tragende Konstruktionen. Fichte dominiert in Mitteleuropa den konstruktiven Holzrahmenbau und die Produktion von Brettsperrholz (CLT). Mayr-Melnhof Holz liefert Schnittholz an weiterverarbeitende Betriebe, die daraus BSH-Träger, CLT-Platten oder KVH fertigen.
Die Verladung läuft rund um die Uhr: Schnittholz wird montags bis freitags von 6:00 bis 22:00 Uhr verladen, Pellets sieben Tage die Woche im Non-Stop-Betrieb. Diese Flexibilität ist für Just-in-Time-Lieferungen an Baustellen und Handelslager entscheidend.
Fazit: Größe, Integration und Lage als Wettbewerbsvorteil
Der Standort Paskov zeigt, wie ein europäischer Holzkonzern durch Skalierung, energetische Integration und strategische Standortwahl Wettbewerbsvorteile erzielt. Die Kombination aus Sägewerk, Pelletwerk und Biomassekraftwerk minimiert Abfall, senkt Energiekosten und diversifiziert die Erlösquellen. Die direkte Kopplung mit dem Zellstoffwerk Biocel ist in dieser Form in Europa selten und zeigt, wie industrielle Symbiosen in der Holzwerkstoff-Verarbeitung funktionieren können. Für Architekten und Bauingenieure, die auf Holzhochhaus-Projekte setzen, ist die Kenntnis solcher Produktionskapazitäten relevant: Die Verfügbarkeit großer Schnittholzmengen aus zertifizierten Quellen ist Grundvoraussetzung für die Skalierung des mehrgeschossigen Holzbaus in Europa.
Weiterführende Informationen zur strategischen Entwicklung europäischer Holzverarbeiter finden sich in den Artikeln zu Egger und digitalen Planungstools für Architekten sowie zur Standortstrategie von Heidelberg Materials im Asien-Pazifik-Raum.


