Der Liechtensteiner Bautech-Konzern Hilti nimmt eine strategische Neuausrichtung vor und positioniert sich als Treiber der Digitalisierung im Bausektor. Während die Branche weiterhin stark von analogen Prozessen geprägt ist, setzt der CEO des Unternehmens auf digitale Lösungen als Kernstrategie. Die Ankündigung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem regulatorische Anforderungen wie das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und die EU-Taxonomie den Druck auf Bauunternehmen erhöhen, Planungs- und Ausführungsprozesse transparenter und ressourcenschonender zu gestalten.
Für Planer und Architekten bedeutet die angekündigte Digitalisierungsoffensive von Hilti potenziell eine engere Verzahnung zwischen Verbindungstechnik, Befestigungslösungen und Building Information Modeling (BIM). Digitale Planungswerkzeuge könnten künftig nicht nur Montagezeiten verkürzen, sondern auch den Material- und Ressourceneinsatz optimieren – ein direkter Beitrag zur Senkung der CO₂-Bilanz von Bauprojekten. Gerade im Bereich Beton- und Stahlbau, wo Befestigungssysteme kritische Schnittstellen darstellen, könnte eine digitale Erfassung von Lasten, Materialstärken und Expositionsklassen die Planungssicherheit erhöhen.
Die strategische Neuausrichtung des Konzerns steht im Kontext einer breiteren Transformation der Baubranche. Während Hersteller wie Heidelberg Materials und Holcim auf CO₂-reduzierte Bindemittel setzen, fokussiert Hilti auf die Prozessseite: Digitale Lösungen sollen Fehlerquoten senken, Nacharbeiten reduzieren und damit indirekt Materialverschwendung minimieren. Das ist besonders relevant vor dem Hintergrund der EU-Bauprodukteverordnung, die zunehmend Environmental Product Declarations (EPD) und Lebenszyklusanalysen fordert.
Kritisch bleibt die Frage, wie weit digitale Tools tatsächlich in die Praxis der Baustelle vordringen. Die Baubranche ist traditionell geprägt von fragmentierten Wertschöpfungsketten und geringer Digitalisierungstiefe. Ob Hilti mit seiner Strategie tatsächlich Standards setzen kann, hängt davon ab, ob die Lösungen interoperabel sind und sich in bestehende Planungssoftware integrieren lassen. Parallel dazu hat das Unternehmen jüngst ein Innovationszentrum für Verbindungstechnik-Forschung angekündigt und eine weltweite Logistikdrehscheibe eingerichtet – Indizien für eine systematische Transformation.
Für Baustoffhändler und Produktmanager bedeutet die Digitalisierungsoffensive möglicherweise neue Vertriebskanäle und Service-Modelle: Vorstellbar sind Plattformen, die Befestigungssysteme direkt aus BIM-Modellen ableiten und automatisiert bestellen. Das würde die Lieferkette verschlanken und Transparenz über verbaute Mengen schaffen – eine Voraussetzung für Urban Mining und zirkuläre Geschäftsmodelle.
Der nächste regulatorische Schritt dürfte die Verschärfung der EU-Taxonomy-Schwellenwerte ab 2027 sein. Unternehmen, die bereits heute digitale Datengrundlagen schaffen, werden dann im Vorteil sein – sowohl bei der Nachweisführung als auch bei der tatsächlichen Reduktion von Emissionen entlang der Wertschöpfungskette.


