Die DGNB – Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – erweitert ihre internationale Präsenz zunehmend auch in der Schweiz. Über das SGNI-System (Swiss Green Network for Innovation) soll der deutsche Nachhaltigkeitsstandard auch im Schweizer Markt Fuß fassen. Während etablierte Zertifizierungen wie Minergie seit Jahren den Schweizer Bausektor prägen, stellt sich die Frage, welche Position das DGNB-System mittelfristig einnehmen wird – und für welche Akteure sich die Zertifizierung wirtschaftlich rechnet.

Die Holcim und andere international agierende Baustofffhersteller setzen bereits auf DGNB-konforme Produktdokumentationen, insbesondere auf EPDs (Environmental Product Declarations), die bei der Bewertung von Gebäuden eine zentrale Rolle spielen. Für Immobilienentwickler mit internationalen Portfolios bietet das DGNB-System den Vorteil einer länderübergreifenden Vergleichbarkeit – ein Aspekt, den Minergie als national verankerter Standard nicht in gleichem Maße abdeckt.

Die DGNB-Bewertung umfasst sechs Hauptkriterien: ökologische Qualität, ökonomische Qualität, soziokulturelle und funktionale Qualität, technische Qualität, Prozessqualität sowie Standortqualität. Besonders die detaillierte Lebenszyklusbetrachtung – von der Rohstoffgewinnung über die Nutzungsphase bis zum Rückbau – unterscheidet das System von Minergie, das primär auf den Energieverbrauch im Betrieb fokussiert. Für Planer und Architekten bedeutet dies einen höheren Dokumentationsaufwand, aber auch eine umfassendere Nachhaltigkeitsbewertung, die etwa bei verschärften Anforderungen an Neubauzertifizierungen relevant wird.

Die Marktakzeptanz hängt maßgeblich vom Kostennutzen ab. Während Minergie in der Schweiz breite Anerkennung genießt und oft als Standard in öffentlichen Ausschreibungen gefordert wird, positioniert sich DGNB eher im Premium-Segment und bei Projekten mit internationaler Sichtbarkeit. Beispiele wie der DonauTower mit DGNB-Gold-Zertifizierung zeigen, dass institutionelle Investoren zunehmend auf solche Nachweise setzen.

Für Baustoffhändler und Produktmanager bedeutet die Parallelität beider Systeme zusätzlichen Aufwand in der technischen Dokumentation. Hersteller müssen produktspezifische Daten für beide Zertifizierungswege bereitstellen, etwa hinsichtlich Lambda-Wert, Rohdichte oder Recyclingquoten. Ob sich das DGNB-System langfristig als gleichwertiger Standard etabliert oder Nischenlösung bleibt, wird sich in den kommenden Jahren durch die Anzahl zertifizierter Projekte und deren Marktresonanz zeigen.