Ein außergewöhnliches Signal aus der keramischen Industrie: Deutsche Steinzeug, ein etablierter Hersteller von Feinsteinzeug und Fliesen am Standort Witterschlick, geht auf die Straße. Das Unternehmen demonstriert gegen die nach wie vor hohen Energiepreise – ein Schritt, der für einen traditionsreichen Industriebetrieb ungewöhnlich ist und die Dimension der Belastung für energieintensive Baustoffhersteller verdeutlicht. Während andere Branchen bereits Entlastungsmechanismen nutzen konnten, bleibt die keramische Industrie unter erheblichem Kostendruck.
Die Produktion von keramischen Baustoffen, insbesondere Feinsteinzeug und glasierten Fliesen, erfordert Brenntemperaturen zwischen 1.100 und 1.300 °C. Die thermische Behandlung in Tunnelöfen oder Rollenöfen macht den Energieeinsatz zum größten Kostenfaktor in der Prozesskette – noch vor Rohstoffen und Logistik. Erdgas als Hauptenergieträger verteuerte sich seit 2021 zeitweise um den Faktor 5 bis 6, was die Herstellkosten pro Quadratmeter Fliese um 30 bis 45 Prozent erhöhte. Selbst nach Normalisierung der Spotpreise liegen die Beschaffungskosten deutlich über dem Vor-Krisen-Niveau, da viele Hersteller langfristige Verträge zu ungünstigen Konditionen abschließen mussten.
Der Protest von Deutsche Steinzeug reiht sich in eine Serie von Warnungen aus der Branche ein. Bereits 2023 mussten mehrere kleinere Keramikhersteller in Deutschland die Produktion drosseln oder Standorte schließen. Die Wettbewerbssituation verschärft sich zudem durch Importe aus Spanien und Italien, wo Hersteller teilweise von staatlichen Energiepreisdeckeln oder günstigeren Stromtarifen profitieren. Planer und Baustoffhändler beobachten zunehmend Lieferengpässe bei Premium-Feinsteinzeug aus deutscher Produktion, während südeuropäische Anbieter Marktanteile gewinnen. Für Projekte mit hohen Anforderungen an EPD-Nachweisen und kurzen Transportwegen bedeutet dies eine Einschränkung der Auswahloptionen.
Die Forderung nach einer gezielten Entlastung für energieintensive Industrien bleibt akut. Vertreter der keramischen Industrie verweisen auf erfolgreiche Modelle in anderen EU-Staaten, etwa subventionierte Industriestrompreise oder temporäre CO₂-Preis-Kompensationen für Unternehmen mit hoher Exportquote. Ohne strukturelle Entlastung droht eine Verlagerung der Produktion ins Ausland – mit negativen Folgen für regionale Wertschöpfungsketten und die Verfügbarkeit hochwertiger Baustoffe. Ähnliche Belastungen betreffen auch andere Segmente der Baustoffindustrie, etwa die chemische Industrie unter Margendruck durch Rohstoffpreise.
Für Architekten und Baustoffhändler empfiehlt sich eine frühzeitige Kalkulation mit realistischen Preisprognosen für keramische Baustoffe. Die Marktlage bleibt volatil, und vertragliche Preisgleitklauseln sollten bei größeren Projekten Standard sein. Die langfristige Verfügbarkeit von Qualitätsprodukten aus regionaler Fertigung hängt maßgeblich von politischen Entscheidungen zur Energiepreisentwicklung ab – eine Entwicklung, die über einzelne Hersteller hinaus die gesamte Ziegel- und Keramikbranche betrifft.