Das niederländische Cleantech-Unternehmen BioBTX baut im Chemical Park Delfzijl an der nordniederländischen Küste die weltweit erste Anlage im kommerziellen Maßstab, die gemischte Kunststoffabfälle in hochwertige aromatische Grundchemikalien umwandelt. Die Anlage basiert auf der hauseigenen ICCP-Technologie (Integrated Catalytic Cracking Process) und soll rund 20.000 Tonnen Abfall pro Jahr verarbeiten. Das Verfahren gewinnt durch katalytische Pyrolyse aromatisches Öl, das aus Benzol, Toluol und Xylolen (B-T-X) besteht – denselben Bausteinen, die heute in Beschichtungen, Pharmazeutika und Hochleistungswerkstoffen zum Einsatz kommen. BASF Construction Chemicals und andere Bauchemieproduzenten könnten künftig von diesem Rohstoff profitieren, ebenso wie die Dämmstoff-Industrie: Die aromatischen Bausteine dienen als Ausgangsstoff für die Isocyanat-Produktion (MDI/TDI), aus denen Hart- und Weichschäume für Wärmedämmung und Innenausbau gefertigt werden. Covestro ist seit 2024 Anteilseigner von BioBTX mit einem mittleren einstelligen Millionen-Euro-Investment.
Wie funktioniert die ICCP-Technologie?
Die ICCP-Technologie wandelt gemischte Kunststoffabfälle – also Sortierrest-Fraktionen, die sonst verbrannt oder deponiert würden – mittels katalytischer Pyrolyse in ein aromatisches Öl um. Das Verfahren erzeugt jährlich rund 10.000 Tonnen erneuerbares aromatisches Öl sowie 8.000 Tonnen nachhaltige Nebenprodukte. Der Prozess ist rohstoff-flexibel: Neben gemischten Kunststoffabfällen kann künftig auch Biomasse verarbeitet werden. Diese Flexibilität unterscheidet das BioBTX-Verfahren von konventionellen Recycling-Technologien, die meist sortenreine Kunststoffströme voraussetzen. Die gewonnenen Benzol-, Toluol- und Xylol-Fraktionen entsprechen den chemischen Bausteinen, die auch die petrochemische Industrie heute einsetzt – etwa für Polyurethane (PU), die in der Bauwirtschaft als PIR / PUR-Dämmplatten verbaut werden oder als Bindemittel in mineralischen Verbundwerkstoffen dienen.
Welche Klimavorteile bringt das Verfahren?
Verglichen mit der konventionellen, fossil-basierten BTX-Produktion senkt der ICCP-Prozess die Treibhausgas-Emissionen der resultierenden chemischen Bausteine um 70 bis 80 Prozent. Diese Reduktion ist vor allem für die Bauchemie und die Dämmstoff-Industrie relevant, deren Produkte zunehmend nach EPD-Kriterien bewertet werden. Covestro plant, die BTX-Fraktionen für die eigene Isocyanat-Produktion einzusetzen, aus der Hart- und Weichschäume für Dämmanwendungen (etwa Kühlgeräte, Isolierpaneele) oder Matratzen entstehen. Das Unternehmen strebt Klimaneutralität für Scope-1- und Scope-2-Emissionen bis 2035 an; auch Scope-3-Emissionen sollen bis 2050 klimaneutral werden. Die Integration von zirkulären Rohstoffen ist ein zentraler Hebel in dieser Strategie – vergleichbar mit den CO₂-neutraler Beton-Ansätzen, bei denen Klinkerersatzstoffe und alternative Brennstoffe die Emissionen der Zementproduktion senken.
Was bedeutet die Anlage für die Kreislaufwirtschaft im Bausektor?
Mit der Investitionsentscheidung für die Delfzijl-Anlage schließt BioBTX eine 14-jährige Entwicklungsreise ab, die 2012 mit der Laboridee begann und über Pilot- und Demo-Maßstab zur kommerziellen Umsetzung führte. Die Anlage schafft 35 neue Arbeitsplätze. Dr. Thorsten Dreier, Chief Technology Officer bei Covestro, betont: „Wir haben den Fortschritt von BioBTX über Jahre verfolgt und sind sehr glücklich, jetzt den Punkt zu sehen, an dem sich die Technologie im industriellen Maßstab beweist. Dies markiert einen sehr wichtigen Schritt. Darüber hinaus verarbeitet sie gemischte Kunststoffabfälle anstelle eines einzelnen sortierten Stroms, was genau die Art von Recycling ist, die wir in größerem Umfang benötigen, um eine Kreislaufwirtschaft Wirklichkeit werden zu lassen."
Für die Baustoffbranche eröffnet das Verfahren neue Perspektiven: Aromatische Bausteine aus Abfall-Kunststoffen können nicht nur in Dämmstoffen, sondern auch in Epoxidharz-basierten Beschichtungen, Klebstoffen für Brettschichtholz (BSH) oder als Bindemittel in Verbundwerkstoffen zum Einsatz kommen. Die chemische Qualität der ICCP-Produkte entspricht fossil-basiertem BTX, sodass bestehende Produktionslinien ohne technische Anpassung bedient werden können. Ton Vries, Co-Founder und CEO von BioBTX, kommentiert: „Das Erreichen dieses wichtigen Meilensteins in der Entwicklung von BioBTX markiert einen wichtigen Schritt auf unserem Weg zu unserer Mission, zirkuläre Chemie möglich zu machen. Ich bin sehr stolz auf das gesamte BioBTX-Team und die Aktionäre, deren Engagement und Einsatz diese Errungenschaft ermöglicht haben. Wir werden unsere weltweit erste vollständig nachhaltige Aromatenanlage bauen. Eine großartige Leistung!"
Welche Rolle spielt die chemische Kreislaufwirtschaft für nachhaltige Baustoffe?
Die Zirkuläres Bauen-Strategie umfasst neben mineralischen Recyclingbaustoffen auch die chemische Rückgewinnung von Kunststoffen und synthetischen Bindemitteln. BioBTX adressiert mit dem ICCP-Verfahren vor allem jene Abfall-Fraktionen, die mechanisch nicht mehr recycelbar sind – etwa mehrschichtige Folien, Verbundverpackungen oder kontaminierte Kunststoffe. Während Urban Mining-Ansätze im Bausektor vor allem auf die Wiederverwendung von Beton, Baustahl und Ziegel abzielen, ergänzt das chemische Recycling die Wertschöpfungskette um Dämmstoffe, Beschichtungen und Klebstoffe.
Covestro erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 12,9 Milliarden Euro und beschäftigte Ende 2025 rund 17.600 Mitarbeiter (in Vollzeitäquivalenten) an 46 Produktionsstandorten weltweit. Das Unternehmen ist auf die Kreislaufwirtschaft ausgerichtet und liefert Polymermaterialien für Mobilität, Bau, Elektronik sowie Gesundheit und Telekommunikation. Die Partnerschaft mit BioBTX fügt sich in die Nachhaltigkeitsstrategie ein, die fossile Rohstoffe durch zirkuläre Alternativen ersetzen will – ein Ansatz, der auch für Produzenten von Dämmstoffen und Verbundwerkstoffen zunehmend relevant wird.
- Jährliche Verarbeitungskapazität: rund 20.000 Tonnen gemischte Kunststoffabfälle
- Output: etwa 10.000 Tonnen aromatisches Öl (Benzol, Toluol, Xylole) und 8.000 Tonnen nachhaltige Nebenprodukte
- CO₂-Reduktion: 70 bis 80 Prozent gegenüber fossil-basierter BTX-Produktion
- Arbeitsplätze: 35 neue Stellen im Chemical Park Delfzijl
- Covestro-Beteiligung: seit 2024, mittlerer einstelliger Millionen-Euro-Betrag
Die neue Anlage in Delfzijl könnte Pilotcharakter für weitere chemische Recycling-Projekte haben, die gemischte Abfallströme in hochwertige Grundchemikalien umwandeln. Für Hersteller von Hochleistungs-Dämmstoffen, PU-gebundenen Mineralschäumen oder aromatischen Harzen bedeutet das Verfahren eine zusätzliche, klima-optimierte Rohstoffquelle – und einen Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft, die nicht nur mineralische, sondern auch petrochemische Wertschöpfungsketten schließt.