Der österreichische Dämmstoffhersteller Austrotherm hat seine XPS-Produktpalette seit Jahren eng mit den Anforderungen des mehrgeschossigen Holzbaus verzahnt. Während Brettsperrholz (CLT) und Holzrahmenbau in DACH-Ländern auf Wachstumskurs sind, stellt sich die Frage: Wie nachhaltig ist der Einsatz von extrudiertem Polystyrol im Kontext der GEG-Verschärfung und der EU-Taxonomie-Anforderungen ab 2027?

XPS-Kernsortiment für Holzbauten: Perimeterdämmung und Kellersockel

Austrotherm bietet für den Holzbau vor allem die Produktlinie XPS TOP an – druckfeste, geschlossenzellige Dämmplatten mit einem Lambda-Wert zwischen 0,032 und 0,036 W/(m·K). Der Fokus liegt auf erdberührten Bauteilen und Sockelzonen, wo CLT-Konstruktionen anfällig für Feuchteschäden sind. Die Druckfestigkeit von bis zu 300 kPa (XPS-Qualität 300) erlaubt den Einsatz unter Bodenplatten in Mehrfamilienhäusern mit Holztragwerk.

Ein zweites Standbein bildet die Austrotherm Resolution-Serie: XPS-Platten mit stufenförmigem Nut-Feder-Profil, die Wärmebrücken an Stößen minimieren sollen. Für Holzbau-Projekte, die den Passivhaus-Standard anstreben, ist die Verringerung linearer Wärmebrücken im Sockelbereich ein Hebel zur Senkung des Heizwärmebedarfs. Allerdings fehlen in den öffentlich verfügbaren Datenblättern präzise Angaben zur Wärmebrückenkennziffer Psi – ein Defizit gegenüber Wettbewerbern wie ISOVER (Saint-Gobain) oder ROCKWOOL, die für mineralische Dämmstoffe detaillierte Psi-Werte kommunizieren.

Marktposition: XPS zwischen Nische und Volumen

Austrotherm ist in Österreich und Süddeutschland gut etabliert, erreicht aber nicht die Marktdurchdringung von Knauf oder Saint-Gobain. Im Holzbau-Segment konkurriert XPS zunehmend mit Holzfaserdämmung von Herstellern wie STEICO, die mit biogenen CO₂-Speichereffekten und nachwachsenden Rohstoffen werben. Die jüngste Übernahme von STEICO durch Kingspan zeigt die strategische Bedeutung biobasierter Dämmstoffe im Holzbau.

Austrotherm setzt dagegen auf die bauphysikalischen Vorteile von XPS: geschlossene Zellstruktur verhindert kapillaren Feuchtetransport, was in erdberührten Bereichen kritisch ist. Die Frage bleibt: Kann eine rein funktionale Argumentation die CO₂-Bilanz von fossilbasiertem Polystyrol kompensieren?

CO₂-Bilanz und Recyclingquote: Die Achillesferse

XPS weist eine graue Energie von rund 800–1.000 kWh/m³ auf, deutlich höher als Mineralwolle (ca. 150–250 kWh/m³) oder Holzfaser (ca. 50–100 kWh/m³). Die Herstellung erfordert Polystyrol-Granulat aus Erdöl und CO₂ als Treibmittel. Austrotherm kommuniziert keine produktspezifische EPD (Environmental Product Declaration) für die holzbau-relevanten XPS-Linien – ein Manko gegenüber Wettbewerbern, die EPDs als Differenzierungsmerkmal nutzen.

Die Recyclingquote von XPS liegt in Europa unter 10 %. Verschnitt vom Bau wird selten sortenrein erfasst, da Klebstoffreste und Verschmutzungen eine Aufbereitung erschweren. Urban-Mining-Ansätze, wie sie Urban Mining-Pilotprojekte für Beton oder Ziegel vorantreiben, greifen bei XPS bislang nicht. Austrotherm hat keine öffentlich verfügbare Rücknahmelogistik für Verschnitt kommuniziert.

Regulatorischer Gegenwind: EU-Taxonomie und Bauprodukteverordnung

Ab 2027 verlangt die EU-Taxonomie für nachhaltige Investitionen, dass Baustoffe in neuen Gebäuden einen Mindestwert für Recyclinggehalt erfüllen oder eine Kreislauffähigkeit nachweisen. XPS ohne Rezyklat-Anteil dürfte hier unter Druck geraten. Förderprogramme wie KfW-Effizienzhaus könnten künftig Nachhaltigkeitsnachweise für Dämmstoffe verlangen – ein Szenario, das Hersteller fossiler Dämmstoffe zur Investition in EPDs und Recycling-Infrastruktur zwingt.

Für Planer von Holzhochhäusern ergibt sich ein Dilemma: XPS bietet kurzfristig die beste Feuchteresistenz im Sockel, belastet aber die Gesamtbilanz im Life Cycle Assessment (LCA). Alternative Systeme wie mineralische Perimeterdämmung mit verbessertem Feuchteschutz oder druckfeste Holzfaser-Platten sind in der Entwicklung, erreichen aber noch nicht die Marktreife für Massenprojekte.

Ausblick: Transparenz als nächster Schritt

Austrotherm steht vor der Wahl: entweder frühzeitig in EPDs, Rezyklat-Quoten und Rücknahmesysteme investieren – oder Marktanteile im wachsenden Segment des zirkulären Bauens an biobasierte oder mineralische Alternativen verlieren. Aktuell fehlen Produktankündigungen zu XPS mit Recyclinganteil oder CO₂-reduzierten Varianten. Die nächste Weichenstellung dürfte spätestens mit der Verschärfung der EU-Bauprodukteverordnung 2025/26 erfolgen – dann werden Nachhaltigkeitsnachweise zur Marktzugangsvoraussetzung.