Rohstahl ist unlegierter oder legierter Stahl in seiner primären Produktionsform, unmittelbar nach der Erzeugung im Hochofen oder Elektrolichtbogenofen (EAF), bevor er zu Halbzeugen, Fertigprodukten oder Bauteilen weiterverarbeitet wird. Im Gegensatz zu Qualitätsstählen enthält Rohstahl noch nicht optimierte Gefügezustände und höhere Begleitelementkonzentrationen.
Herstellung
Rohstahl entsteht durch zwei Hauptverfahren: Im integrierten Hochofenprozess wird Eisenerz mit Koks und Zuschlägen bei etwa 1.600 °C reduziert, das entstehende Roheisen anschließend in der Stahlpfanne desoxidiert und legiert. Im Elektrolichtbogenofen werden überwiegend Stahlschrotte bei etwa 1.700 °C eingeschmolzen. Die Stahlpfannenbehandlung erfolgt durch Argon-Sauerstoff-Abstichverfahren (AOD), Vakuumbehandlung oder Kombinationsverfahren, um Kohlenstoff, Silizium, Mangan und Phosphor zu reduzieren.
Zusammensetzung und Eigenschaften
Rohstahl für Bauanwendungen enthält typischerweise Kohlenstoff (0,10–0,25 %), Silizium (0,10–0,50 %), Mangan (0,40–1,60 %) und Schwefel (≤ 0,035 %). Der Phosphorgehalt liegt bei maximal 0,035 %. Bei unlegierten Baustählen (z. B. S235, S355) bleiben die Legierungselemente minimal; höherwertige Sorten enthalten gezielt Molybdän, Vanadium oder Nickel. Die Streckgrenze von Rohstahl variiert zwischen 235 und 460 N/mm² je nach Sorte und geplanter Weiterverarbeitung.
Verarbeitung und Verwendung
Rohstahl wird zunächst vergossen (Blockguss oder Strangguss), anschließend warm- oder kaltgewalzt zu Halbzeugen wie Blechen, Stäben, Profilen oder Draht. Diese Halbzeuge dienen als Rohstoffe für Konstruktionsteile, Bewehrungsstahl, Rohre und Behälter. Die Weiterverarbeitung erfolgt durch Walzen, Schmieden, Stanzen oder Biegen. Für hochfeste Sorten können Wärmebehandlungen (Normalisierung, Vergüten) zur Optimierung der mechanischen Eigenschaften erforderlich sein.
Qualitätsmerkmale
Rohstahl wird nach DIN EN 10025 (unlegierte Baustähle) oder DIN EN 10028 (Druckbehälterstahl) klassifiziert. Wichtige Güteklassen sind S235JR, S275JR und S355JR. Die Zähigkeit (Schlagzähigkeit in Joule bei niedrigen Temperaturen) ist ein kritisches Kriterium; JR-Sorten garantieren Werte ab 0 °C. Die Schweißbarkeit wird durch den Kohlenstoffäquivalentwert (CEV) bewertet und sollte bei Bauteilen CEV < 0,45 % nicht überschreiten.
Lagerung und Handling
Rohstahl wird in Blöcken bis 300 t oder als Stranggusserzeugnis bevorratet. Langzeitlagerung erfordert Schutz vor Korrosion durch Ölung oder trockene Lagerbedingungen. Oberflächenoxidation (bis 1 mm Schichtdicke) ist normal und wird bei der Weiterverarbeitung durch Walzen teilweise entfernt. Rohstahl ist vollständig recycelbar; Schrottanteile aus der Produktion werden dem Schmelzprozess zurückgeführt.