Heidelberg Materials intensiviert seine Geschäftstätigkeit in der Westsahara, einem von Marokko besetzten Gebiet, das die Vereinten Nationen als nicht-selbstverwaltetes Territorium einstufen. Die Ausweitung der Produktion von Zement und Beton in der Region steht im Widerspruch zur international umstrittenen völkerrechtlichen Lage und könnte die ESG-Positionierung des deutschen Baustoffkonzerns belasten.
Die Western Sahara Resource Watch, eine Nichtregierungsorganisation, die wirtschaftliche Aktivitäten in dem umstrittenen Gebiet dokumentiert, berichtet von einem massiven Zuwachs der Produktionskapazitäten. Das Engagement des Konzerns erfolgt über lokale Tochtergesellschaften, die an die marokkanische Verwaltung gebunden sind. Völkerrechtler sehen darin eine mögliche Verletzung internationaler Normen, da die Sahrawi, die ursprüngliche Bevölkerung, nicht an den wirtschaftlichen Erträgen beteiligt sind und ihre Zustimmung nie erteilt haben.
Für Baustoffhändler, Architekten und Produktmanager, die zunehmend auf die Einhaltung von ESG-Kriterien achten müssen, wirft das Vorgehen Fragen auf. Heidelberg Materials hat sich öffentlich zu Nachhaltigkeitszielen und zur Dekarbonisierung der Zementproduktion bekannt. Die Ausweitung von Geschäften in einem besetzten Gebiet steht jedoch im Kontrast zu diesen Zielen und könnte die Glaubwürdigkeit von EPD-Angaben und Nachhaltigkeitsberichten untergraben.
Die Branche beobachtet die Entwicklung mit Interesse. Investoren und institutionelle Auftraggeber, die auf DGNB-Zertifizierungen oder vergleichbare Standards setzen, prüfen zunehmend die gesamte Lieferkette – nicht nur den CO₂-Fußabdruck der Produkte, sondern auch die soziale und politische Dimension der Rohstoffgewinnung. Das gilt insbesondere für Großprojekte im öffentlichen Hochbau und für Ausschreibungen, die ESG-Compliance verlangen.
Heidelberg Materials selbst hat sich bislang nicht öffentlich zur völkerrechtlichen Bewertung der Westsahara-Aktivitäten geäußert. In früheren Berichten verwies der Konzern auf die wirtschaftliche Bedeutung der Märkte in Nordafrika und die Einhaltung lokaler Gesetze. Kritiker halten dem entgegen, dass die Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara international umstritten ist und die UN seit Jahrzehnten ein Referendum über den Status des Gebiets fordert.
Die Entwicklung zeigt, wie stark ESG-Strategien von globalen politischen Rahmenbedingungen abhängen. Für Planer und Einkäufer im Bausektor wird die Herkunft von Portlandzement und anderen Bindemitteln damit zu einem zusätzlichen Prüfkriterium – neben technischen Parametern wie Druckfestigkeitsklasse oder Klinkerfaktor. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte bei sensiblen Projekten gezielt nach der Produktionsherkunft fragen und alternative Lieferanten wie Holcim oder regionale Anbieter in Betracht ziehen.
Praxis-Take-away: Baustoffbezug mit ESG-Anforderung erfordert heute mehr als technische Datenblätter. Prüfen Sie bei Ausschreibungen mit Nachhaltigkeitsvorgaben auch die geopolitische Dimension der Lieferkette – insbesondere bei Herstellern mit Aktivitäten in umstrittenen Regionen.





