Die Deutsche Steinzeug aus Witterschlick schlägt öffentlich Alarm: Die stark gestiegenen Energiekosten gefährden nach Aussage des Unternehmens die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Keramikproduktion. Die Forderung nach günstigeren Industriestrompreisen ist nicht neu, doch sie verdeutlicht ein strukturelles Dilemma, das die gesamte energieintensive Baustoffindustrie betrifft. Während die Politik zwischen Industrieförderung und Energiewende-Zielen abwägt, stellt sich die Frage: Reichen Preissenkungen als Strategie – oder braucht die Branche einen fundamentalen Transformationsprozess?
Die Kostenklemme der Keramikindustrie
Die Herstellung keramischer Baustoffe wie Feinsteinzeug und Fliesen gehört zu den energieintensivsten Prozessen der Baustoffbranche. Der Brennvorgang bei Temperaturen zwischen 1.100 und 1.300 Grad Celsius verschlingt enorme Mengen Energie, wobei Gas und Strom die dominierenden Energieträger sind. Während der Energiekrise 2022 stiegen die Kosten für deutsche Hersteller zeitweise auf das Vier- bis Fünffache des Vorkrisenniveaus.
Obwohl sich die Lage 2024 und 2025 entspannte, liegt der deutsche Industriestrompreis strukturell deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Für energieintensive Betriebe bedeutet dies einen direkten Wettbewerbsnachteil gegenüber Produzenten in Spanien, Italien oder Osteuropa, wo sowohl Energiekosten als auch regulatorische Auflagen niedriger ausfallen. Die Deutsche Steinzeug (Website) verweist daher zu Recht auf einen Standortnachteil, der sich nicht allein durch Effizienzgewinne ausgleichen lässt.
Strukturelle Faktoren hinter den Strompreisen
Die hohen deutschen Strompreise haben mehrere Ursachen. Erstens tragen Netzentgelte, Umlagen und Steuern erheblich zur Preisbildung bei – ein regulatorischer Kostenblock, der in anderen EU-Ländern niedriger ausfällt. Zweitens schwankt der Börsenstrompreis durch den wachsenden Anteil volatiler erneuerbarer Energien stärker, was langfristige Kalkulationen erschwert. Drittens fehlt es an ausreichenden Stromnetzen und Speicherkapazitäten, was regionale Engpässe und Preisaufschläge verursacht.
Politisch steht die Bundesregierung vor einem Dilemma: Industrierabatte und Ausnahmen von Netzentgelten belasten andere Stromkunden und untergraben das Verursacherprinzip. Gleichzeitig droht bei unterlassener Entlastung eine schleichende Deindustrialisierung energieintensiver Branchen. Die Keramikindustrie befindet sich in diesem Spannungsfeld zwischen Wettbewerbsfähigkeit und klimapolitischen Ambitionen.
Effizienzpotenziale in der Keramikproduktion
Über Preisforderungen hinaus stellt sich die Frage nach technischen und prozessualen Effizienzpotenzialen. Moderne Brennöfen mit verbesserter Wärmerückgewinnung, optimierter Steuerungstechnik und schnelleren Brennzyklen können den Energiebedarf pro Quadratmeter Fliese um 15 bis 25 Prozent senken. Zudem ermöglichen digitale Prozesssteuerungen eine präzisere Temperaturführung, was Ausschuss reduziert und die Energieeffizienz erhöht.
Einige Hersteller haben bereits in hybride Brennsysteme investiert, die je nach Preisentwicklung zwischen Gas und Strom wechseln können. Diese Flexibilität erlaubt es, auf günstige Strompreise bei hoher Wind- oder Solareinspeisung zu reagieren. Auch der Einsatz von Abwärme zur Vorwärmung von Rohstoffen oder zur Trocknung von Ziegeln bietet Einsparpotenziale, die bislang nicht flächendeckend gehoben werden.
Vergleich mit anderen energieintensiven Baustoffbranchen
Die Keramikindustrie steht nicht allein mit ihren Energieproblemen. Auch die Zement- und Glasbranche kämpfen mit hohen Energiekosten und strukturellen Transformationsanforderungen. Die Zementindustrie arbeitet an der Dekarbonisierung durch alternative Brennstoffe, Carbon-Capture-Technologien und klimaoptimierte Zemente – Strategien, die über reine Preisforderungen weit hinausgehen. Holcim und Heidelberg Materials investieren erheblich in diese Transformation, auch wenn die Skalierung noch Jahre dauern wird.
Im Vergleich dazu erscheint die Keramikbranche weniger sichtbar in der öffentlichen Dekarbonisierungsdebatte. Während die Zementhersteller unter regulatorischem und Markendruck stehen, grüne Produkte voranzutreiben, fehlt bei keramischen Baustoffen bislang ein vergleichbarer Push. Dies könnte sich ändern, wenn Bauherren und Architekten verstärkt Embodied Carbon in der Materialbewertung berücksichtigen.
Substitutionsrisiken und Marktverlagerung
Ein oft übersehener Aspekt sind langfristige Substitutionsrisiken. Hohe Produktionskosten gefährden nicht nur einzelne Standorte, sondern beeinflussen auch die Materialwahl in Bauprojekten. Wenn Feinsteinzeug deutlich teurer wird als alternative Bodenbeläge oder Fassadenmaterialien, könnten Planer und Einkäufer auf andere Lösungen ausweichen – mit langfristigen Folgen für die Marktposition keramischer Produkte.
Gleichzeitig droht eine geographische Verlagerung der Produktion. Importe aus Spanien, Italien und zunehmend auch aus der Türkei gewinnen Marktanteile, wenn deutsche Hersteller preislich nicht mehr konkurrieren können. Diese Verlagerung ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein klimapolitisches: Wenn Produktion in Länder mit schlechterer CO₂-Bilanz abwandert, entsteht Carbon Leakage ohne tatsächliche Emissionsreduktion.
Politische Lösungsansätze und ihre Grenzen
Die Forderung nach Industriestrompreisen von 5 bis 6 Cent pro Kilowattstunde – ein Wert, der gelegentlich als Zielmarke genannt wird – steht im Konflikt mit den Refinanzierungserfordernissen der Energiewende. Netzbetreiber, Speicherprojekte und der Ausbau erneuerbarer Energien müssen finanziert werden, was sich in Netzentgelten und Umlagen niederschlägt. Eine umfassende Subventionierung energieintensiver Industrien würde entweder andere Verbraucher belasten oder den Bundeshaushalt zusätzlich strapazieren.
Zielgerichteter erscheinen zeitvariable Stromtarife, die Industriekunden Anreize für Lastverschiebung in Zeiten hoher Ökostromeinspeisung bieten. Wenn Brennöfen gezielt dann betrieben werden, wenn Wind- oder Solarstrom im Überfluss vorhanden ist, profitieren beide Seiten: Die Industrie erhält günstigeren Strom, das Stromsystem wird entlastet. Dafür braucht es jedoch flexible Produktionsprozesse und intelligente Steuerungssysteme – Investitionen, die nicht alle Betriebe stemmen können.
Ein weiterer Ansatz sind Carbon Contracts for Difference, wie sie in der Stahl- und Zementindustrie diskutiert werden. Der Staat garantiert dabei einen Mindestpreis für CO₂-Zertifikate, was Investitionen in klimaneutrale Produktionsverfahren planbar macht. Ob ein solches Instrument auch für die Keramikindustrie sinnvoll wäre, hängt davon ab, welche technologischen Alternativen überhaupt zur Verfügung stehen.
Technologische Perspektiven: Wasserstoff und Elektrifizierung
Langfristig könnte Wasserstoff als Brennstoff eine Rolle spielen, um fossiles Erdgas zu ersetzen. Die Verfügbarkeit und Kosten von grünem Wasserstoff bleiben jedoch auf absehbare Zeit problematisch. Pilotprojekte in der Glas- und Stahlindustrie zeigen, dass die Umstellung technisch möglich ist, aber erhebliche Infrastrukturinvestitionen erfordert. Für mittelständische Keramikhersteller wie die Deutsche Steinzeug erscheint dieser Weg ohne massive Förderung und koordinierte Infrastrukturplanung kaum gangbar.
Die vollständige Elektrifizierung der Brennprozesse ist eine weitere Option, die bereits in Nischenbereichen erprobt wird. Elektrische Brennöfen bieten präzisere Temperaturkontrolle und können direkt mit erneuerbarem Strom betrieben werden. Die Herausforderung liegt in der Umstellung bestehender Anlagen und den höheren Investitionskosten. Zudem bleibt die Frage, ob das deutsche Stromnetz ausreichend dimensioniert ist, um eine vollständige Elektrifizierung energieintensiver Industrien zu tragen.
Strategische Optionen für die Branche
Für Unternehmen wie die Deutsche Steinzeug ergeben sich mehrere strategische Handlungsoptionen. Erstens können Investitionen in Energieeffizienz und flexible Produktionssteuerung die Abhängigkeit von Spitzenlastpreisen reduzieren. Zweitens könnten langfristige Stromlieferverträge (Power Purchase Agreements) mit Windpark- oder Solarparkbetreibern Preissicherheit schaffen. Drittens bieten Produktinnovationen – etwa dünnere Fliesen mit geringerem Energieaufwand oder längeren Lebensdauern – Differenzierungschancen im Markt.
Auf Branchenebene wäre eine gemeinsame Plattform für Energiebeschaffung und technologische Entwicklung denkbar. Ähnlich wie die Zementindustrie im Bereich Dekarbonisierung zusammenarbeitet, könnten Keramikhersteller Synergien bei Forschung, Infrastruktur und politischem Lobbying nutzen. Die Fragmentierung der Branche mit vielen mittelständischen Akteuren erschwert allerdings koordinierte Strategien.
Fazit: Über Preisforderungen hinausdenken
Die Forderung der Deutsche Steinzeug nach günstigeren Strompreisen ist nachvollziehbar und berechtigt. Sie adressiert jedoch nur ein Symptom, nicht die Ursache des strukturellen Wandels, dem sich energieintensive Baustoffbranchen gegenübersehen. Die Energiewende und verschärfte Klimaziele sind Realität – und sie werden die Produktionsbedingungen dauerhaft verändern.
Erfolgreich werden jene Unternehmen sein, die Energieeffizienz, Flexibilität und Dekarbonisierung als strategische Investitionsfelder begreifen. Politische Unterstützung durch gezielte Förderung, verlässliche Rahmenbedingungen und Infrastrukturausbau ist dabei unverzichtbar. Doch die Initiative muss von der Branche selbst ausgehen – in Form von Technologieinvestitionen, Kooperationen und der Bereitschaft, sich auf veränderte Marktbedingungen einzustellen. Nur so kann die deutsche Keramikindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern, ohne sich auf kurzfristige Preisentlastungen zu verlassen, die politisch fragil und ökonomisch begrenzt sind.