Der österreichische Dämmstoffhersteller Austrotherm erweitert sein EPS-Sortiment um die sogenannte „F-PLUS Flexible Radiusplatte". Das Produkt richtet sich gezielt an Gebäude mit gebogenen Fassaden, Rundbögen oder Treppenhauskuppeln – Bauformen, die bislang entweder händische Anpassungen oder teure Sonderanfertigungen erforderten. Die flexible Dämmplatte soll sich ohne mechanische Nachbearbeitung an Radien ab 1,5 Meter anpassen lassen. Die Frage bleibt: Wie groß ist dieser Nischenmarkt tatsächlich, und wie positioniert sich Austrotherm gegenüber bestehenden Lösungen?

Technische Eigenschaften: Biegbarkeit ohne Fräsen

Die F-PLUS Flexible Radiusplatte basiert auf expandiertem Polystyrol mit einer modifizierten Zellenstruktur, die laut Austrotherm eine höhere Elastizität im Vergleich zu herkömmlichem EPS ermöglicht. Das Material kann laut Herstellerangaben ohne Vorfräsen oder Schlitzung an enge Radien angelegt werden, was gerade bei Sanierungsprojekten Arbeitszeit und Verschnitt spart. Die Platte wird in den Standardstärken 60, 80, 100 und 120 Millimeter angeboten und erfüllt die Wärmeleitfähigkeitsgruppe WLG 031, was einem Lambda-Wert von 0,031 W/(m·K) entspricht – branchenüblicher Durchschnitt, aber keine Spitzenleistung.

Im Vergleich zu klassischen Dämmstoffen für Rundbauten – etwa vorgefrästen EPS-Elementen oder flexiblen Mineralwollematten – liegt der Vorteil vor allem in der vereinfachten Verarbeitung. Während flexible Mineralwolle sich zwar ebenfalls anpasst, aber bei feuchtegefährdeten Anwendungen eine diffusionsoffene Abdichtungsebene benötigt, punktet EPS mit geschlossenporigen Zellen und niedrigerer Wasseraufnahme. Gegenüber XPS, das eine höhere Druckfestigkeit aufweist, ist EPS leichter zu schneiden und kostengünstiger – allerdings auch weniger druckbelastbar.

Marktpotenzial: Nische, aber wachsend

Der Markt für spezialisierte Dämmlösungen in Rundbauten ist schwer zu quantifizieren. Laut Branchenschätzungen entfallen in Deutschland weniger als 5 Prozent der Gebäudefassaden auf runde oder stark gekrümmte Bauteile. In Österreich dürfte der Anteil ähnlich sein. Das Potenzial liegt vor allem in drei Bereichen:

  • Historische Sanierung: Kirchen, Türme und Altbauten mit Rundbögen benötigen WDVS-Lösungen, die denkmalschutzrechtliche Auflagen erfüllen. Hier kann eine flexible Platte den Aufwand deutlich reduzieren.
  • Moderne Architektur mit organischen Formen: Gebäude mit geschwungenen Fassaden – etwa Museumsbauten oder Einkaufszentren – verlangen oft individuelle Lösungen. Die F-PLUS-Platte könnte hier als standardisierte Alternative dienen.
  • Treppenhäuser und Liftschächte: In Mehrfamilienhäusern sind Treppenhaus-Rundungen ein wiederkehrendes Detailproblem. Eine flexible Platte kann die Anschlussdetails vereinfachen und damit Wärmebrücken minimieren.

Allerdings konkurriert Austrotherm hier mit etablierten Verfahren: ROCKWOOL und ISOVER bieten bereits flexible Mineralwolle-Matten an, die sich an Radien anpassen lassen. Der Unterschied liegt in der Materialwahl und den bauphysikalischen Anforderungen. Während Mineralwolle bei hohen Brandschutzanforderungen – etwa Brandklasse A1 – konkurrenzlos ist, punktet EPS in Kosteneffizienz und Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Wettbewerbsvergleich: Was macht die F-PLUS-Platte anders?

Ein Blick auf alternative Lösungen zeigt: Der Markt ist keineswegs leer. Hersteller wie Knauf und Sto SE bieten für Rundbauten ebenfalls EPS-Systeme an – allerdings meist als Sonderanfertigung oder mit manueller Nachbearbeitung. Die F-PLUS-Platte setzt auf eine Vorkonfektionierung, die den Verarbeiter entlastet. Das dürfte vor allem Handwerksbetriebe ansprechen, die ohne Fräsmaschine auskommen wollen.

Technisch unterscheidet sich die Austrotherm-Lösung durch die modifizierte EPS-Formel, die eine höhere Biegsamkeit ohne Bruchrisiko ermöglicht. Konkrete Daten zur Biegefestigkeit oder zur Rückstellkraft nach Verformung liegen bislang nicht vor – hier bleibt abzuwarten, ob Austrotherm in Kürze technische Prüfberichte oder Zulassungen veröffentlicht. Für den Einsatz in Passivhaus-Projekten oder KfW-Effizienzhäusern ist eine bauaufsichtliche Zulassung oder ein europäischer technischer Zulassungsbescheid (ETA) notwendig, um die Systemkonformität nachzuweisen.

Nachhaltigkeit: EPS und Recycling im Fokus

Die Nachhaltigkeitsdebatte rund um EPS ist bekannt: Das Material basiert auf Polystyrol, einem Erdölprodukt, und wird in der Entsorgung oft thermisch verwertet. Im Gegensatz zu Holzfaserdämmung oder nachwachsenden Rohstoffen fehlt EPS die CO₂-Speicherfähigkeit. Allerdings arbeitet die EPS-Industrie an Recyclingverfahren: Mechanisches Recycling und chemisches Recycling (Depolymerisation) sind technisch möglich, aber noch nicht flächendeckend etabliert.

Austrotherm selbst gibt an, dass die F-PLUS-Platte recyclingfähig ist, sofern sie sortenrein zurückgenommen wird. Eine EPD (Environmental Product Declaration) für das Produkt liegt bislang nicht vor – ein Manko für Planer, die nach DGNB- oder GEG-Kriterien zertifizieren wollen. Im Vergleich zu PIR/PUR-Dämmstoffen, die ebenfalls petrochemisch basieren, aber schwerer recycelbar sind, steht EPS noch relativ gut da – allerdings bleibt der ökologische Fußabdruck höher als bei biobasierten Alternativen.

Preisstrategie und Verfügbarkeit

Über den Preis der F-PLUS-Platte macht Austrotherm bislang keine öffentlichen Angaben. Erfahrungswerte aus dem Dämmstoffmarkt legen nahe, dass flexible oder spezialisierte Platten einen Aufpreis von 10 bis 20 Prozent gegenüber Standard-EPS verlangen. Für einen Handwerksbetrieb, der bislang auf Sonderanfertigungen oder manuelle Anpassungen angewiesen war, könnte sich das dennoch rechnen – vor allem, wenn Arbeitszeit und Materialverschnitt eingespart werden.

Die Verfügbarkeit konzentriert sich zunächst auf Österreich und die DACH-Region. Ob Austrotherm das Produkt auch in Deutschland über Baustoffhändler oder direkt vertreiben wird, bleibt abzuwarten. Angesichts der wachsenden Bedeutung von energetischen Sanierungen – energetische Sanierung ist ein Schwerpunktthema der deutschen Klimapolitik – könnte die Nachfrage nach spezialisierten Dämmlösungen steigen.

Regulatorischer Kontext: GEG und EnergieEffizienzVorgaben

Mit dem GEG (Gebäudeenergiegesetz) und den verschärften Anforderungen an den U-Wert von Außenwänden steigt der Druck auf Sanierungsprojekte. Gerade bei Bestandsgebäuden mit Rundbögen oder geschwungenen Fassaden ist die Dämmung oft eine planerische Herausforderung. Die F-PLUS-Platte könnte hier als pragmatische Lösung dienen, um die GEG-Vorgaben zu erfüllen, ohne aufwendige Sonderkonstruktionen zu benötigen.

Allerdings fehlt bislang die Systemzulassung für WDVS-Anwendungen in Kombination mit gängigen Putzsystemen. Planer sollten daher vorab prüfen, ob die F-PLUS-Platte mit den geplanten Oberputzen und Armierungsgeweben kompatibel ist – eine Abstimmung mit den Systemanbietern wie Sto SE oder Sika ist ratsam.

Fazit: Pragmatische Nischenlösung mit offenem Potenzial

Die F-PLUS Flexible Radiusplatte von Austrotherm adressiert ein reales Problem im Dämmstoff-Markt: Rundbau-Detaillösungen, die bislang händisch oder mit Sonderanfertigungen gelöst wurden, lassen sich mit der flexiblen Platte standardisieren. Technisch bewegt sich das Produkt im EPS-Mainstream – keine Spitzenwerte, aber solide Wärmeleitfähigkeit und einfache Verarbeitung. Das Marktpotenzial bleibt begrenzt, könnte aber durch die wachsende Nachfrage nach energetischen Sanierungen und die Fokussierung auf Detaillösungen steigen.

Offen bleibt, ob Austrotherm das Produkt mit einer EPD und Systemzulassungen unterlegt, um auch anspruchsvolle Nachhaltigkeitszertifizierungen zu bedienen. Für Planer und Handwerker, die regelmäßig mit Rundbögen oder organischen Formen arbeiten, lohnt sich ein Blick auf die F-PLUS-Platte – vor allem, wenn sie Zeit und Verschnitt sparen wollen. Als breitenwirksame Innovation wird das Produkt kaum durchgehen, als pragmatische Nischenlösung durchaus.

Weitere Informationen zu spezialisierten Dämmlösungen finden Sie in unserem Vergleichsartikel Dämmstoffe für Passivhaus-Standard sowie im Beitrag PCI Augsburg erweitert Portfolio: Dämmplattenkleber im Fokus.

Quellen