Ein Ansatz, der die Flachglasproduktion in der Debatte über zirkuläres Bauen neu positionieren könnte: AGC Glass Europe, eine Tochtergesellschaft des belgischen Konzerns AGC, stellt das Cradle-to-Cradle-Prinzip in den Mittelpunkt seiner Nachhaltigkeitsstrategie. Dieser Ansatz, der darauf abzielt, geschlossene Materialkreisläufe zu schaffen, steht dem klassischen linearen Modell entgegen und erfordert eine systemische Betrachtung des gesamten Lebenszyklus von Glas – von der Rohstoffgewinnung bis zu seiner Reintegration in neue Produktionsprozesse.
Für die Glasindustrie bedeutet Cradle to Cradle mehrere grundlegende Veränderungen: die Auswahl unbegrenzt recycelbarer Rohstoffe, der Ersatz toxischer Komponenten in Oberflächenbehandlungen und Beschichtungen sowie die Konstruktion von Glasprodukten, die eine Demontage ohne Qualitätsverlust ermöglichen. AGC Glass Europe betont, dass Architektur-Floatglas, insbesondere mehrschichtiges Isolierglas, eine besondere Herausforderung darstellt: die funktionalen Schichten mit niedriger Emissivität und die Zwischenschichten müssen trennbar sein, um optimales Recycling zu ermöglichen. Nach Aussage des Unternehmens erreicht die Recyclingquote für einfaches Flachglas in Europa heute etwa 90 % für Abbruchglas, fällt aber drastisch für komplexe Verglasungen mit hoher Energieeffizienz.
Der Konzern hebt mehrere konkrete Handlungsansätze hervor: die Erhöhung des Anteils von Altglas (recyceltem Glas) in den Schmelzöfen, was die Schmelztemperatur und damit die CO₂-Emissionen senkt; die Entwicklung von Beschichtungen aus unkritischen Materialien; und die Zusammenarbeit mit Akteuren des Bauwesens zur Etablierung von Sammel- und Sortiersystemen auf Baustellen. AGC Glass Europe gibt an, an Umweltproduktdeklarationen (EPD) zu arbeiten, die den europäischen Standards entsprechen und es Planern und Architekten ermöglichen, diese Daten in Lebenszyklusanalysen gemäß EN 15804 einzubeziehen.
Aus normativ-konformer Sicht muss Cradle-to-Cradle-Glas die gleichen Anforderungen wie konventionelles Glas erfüllen: thermische Leistung nach EN 673 (Berechnung des U-Wertes), Lichttransmission und Gesamtenergiedurchlassgrad (g-Wert) nach EN 410 sowie mechanische Festigkeit für gehärtete Sicherheitsgläser und Verbundgläser. Die Zirkularität darf die CE-Kennzeichnung oder europäische technische Bewertungen (ETA) nicht gefährden.
Die Herausforderungen bleiben erheblich. Die Trennung funktionaler Schichten, die Beseitigung organischer Verunreinigungen aus Dichtungen und Fugenmassen sowie die umgekehrte Logistik von Abbruchglas bleiben wirtschaftliche Hürden. Dennoch setzt AGC Glass Europe mit dem Aufstieg von DGNB-Zertifizierungen und Anforderungen im Zusammenhang mit zirkulärem Bauen auf eine wachsende Nachfrage nach Glasprodukten mit geringen Auswirkungen und hoher Recycelbarkeit. Planer sollten ab sofort das Lebensende von Glas in ihre technischen Spezifikationen einbeziehen, besonders bei Projekten, die eine Cradle-to-Cradle-Zertifizierung oder Konformität mit Urban-Mining-Kriterien anstreben.