Ein Straßenbauprojekt auf der österreichischen Westautobahn A1 hat eine europäische Auszeichnung erhalten – nicht für das erstmalige Recycling von Asphalt, sondern für das sogenannte Re-Recycling. Dabei wurde bereits recyceltes Asphaltmaterial erneut in den Kreislauf zurückgeführt. Das Projekt, das von der österreichischen Zementindustrie im Rahmen ihrer Kreislaufwirtschafts-Initiative unterstützt wurde, könnte als Blaupause für die gesamte europäische Straßenbaubranche dienen.

Re-Recycling: Zweiter Kreislauf für Asphalt

Im Straßenbau ist das Recycling von Asphalt längst etabliert. Bitumen-gebundene Deckschichten werden nach dem Ausbau aufbereitet und dem Asphaltmischgut wieder zugeführt. Das A1-Projekt geht jedoch einen Schritt weiter: Hier wurde Material verarbeitet, das bereits in einem früheren Zyklus recycelt worden war. Dieses Re-Recycling stellt höhere Anforderungen an die Aufbereitung und Qualitätssicherung, da die Eigenschaften des Bitumens durch wiederholte thermische Beanspruchung beeinflusst werden können.

Die technische Herausforderung besteht darin, die rheologischen Eigenschaften des gealterten Bindemittels so zu stabilisieren, dass die normativen Anforderungen an Tragfähigkeit, Verformungswiderstand und Beständigkeit gegenüber Frost-Tau-Wechseln erfüllt werden. Im Projekt wurde dazu offenbar ein abgestimmtes Verjüngungsmittel eingesetzt, das die Viskosität des Bitumens wieder in den Zielbereich bringt. Details zur genauen Rezeptur und zu den eingesetzten Additiven wurden nicht veröffentlicht.

Rolle der Zementindustrie: Unterbau und hydraulisch gebundene Tragschichten

Die Auszeichnung wird von der österreichischen Zementindustrie kommuniziert – was auf den ersten Blick überraschen mag, da Zement in der Asphaltdeckschicht keine Rolle spielt. Tatsächlich kommt dem Bindemittel jedoch im Unterbau und in hydraulisch gebundenen Tragschichten große Bedeutung zu. Diese Schichten bilden das tragende Gerüst moderner Straßenkörper und müssen hohe Lasten aus dem Schwerlastverkehr aufnehmen.

Im Straßenoberbau werden zunehmend Recyclingmaterialien auch in den unteren Lagen eingesetzt – etwa rezyklierte Gesteinskörnungen aus Betonabbruch oder Tragschichtmaterial aus mineralischen Baurestmassen. Die Stabilisierung dieser Schichten erfolgt häufig mit Zement oder hydraulischen Bindemitteln, die dem Material die nötige Festigkeit und Frostbeständigkeit verleihen. Die österreichische Zementindustrie positioniert sich damit als Partner für den Kreislauf im gesamten Straßenoberbau – nicht nur in der Asphaltdecke, sondern auch in der Fundation.

Kreislaufwirtschafts-Ambitionen der VÖZ

Der Verband der österreichischen Zementindustrie (VÖZ) verfolgt seit mehreren Jahren eine Strategie zur Etablierung kreislauffähiger Baustoffe. Dazu gehört unter anderem die Verwendung von Recyclingbaustoffen in zementgebundenen Anwendungen, die Reduktion des Klinkerfaktors durch Einsatz von Hüttensand und Flugasche sowie die Entwicklung von Niedrig-CO₂-Zementen. Das A1-Projekt ergänzt dieses Portfolio um das Segment Straßenbau und demonstriert, dass Kreislaufwirtschaft auch in Infrastrukturprojekten mit hohen Anforderungen an Dauerhaftigkeit und Sicherheit umsetzbar ist.

Die VÖZ betont in ihrer Kommunikation, dass Österreich bei der Umsetzung zirkulärer Bauprinzipien in Europa eine Vorreiterrolle einnehmen möchte. Dazu passt auch die kürzlich erfolgte Inbetriebnahme der ersten Recyclinganlage für Mineralwolle durch Knauf Insulation, die ebenfalls auf geschlossene Materialkreisläufe setzt. Die österreichische Baustoffbranche reagiert damit auf regulatorischen Druck aus Brüssel: Die EU-Taxonomie und das geplante Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) erhöhen den Anreiz, Primärmaterialien zu substituieren und CO₂-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus zu senken.

Europäische Auszeichnung als Signal für den Markt

Die Verleihung eines europäischen Preises für das A1-Projekt unterstreicht die Bedeutung des Re-Recyclings über Österreich hinaus. Straßenbaubehörden in Deutschland, der Schweiz und anderen Märkten beobachten das Projekt aufmerksam, da auch hier der Druck steigt, Recyclingquoten zu erhöhen und Deponiekapazitäten zu entlasten. In Deutschland schreibt die Mantelverordnung für Ersatzbaustoffe seit 2023 vor, dass Asphaltausbau grundsätzlich stofflich zu verwerten ist. Re-Recycling könnte die technische Antwort auf diese Vorgabe sein, sofern die Qualität des resultierenden Asphalts über mehrere Zyklen gewährleistet werden kann.

Für die Praxis bedeutet dies: Asphaltmischanlagen müssen in der Lage sein, komplexe Rezepturen mit variablen Anteilen an Recyclingmaterial zu verarbeiten. Qualitätskontrolle und Rückverfolgbarkeit gewinnen an Bedeutung, da die Eigenschaften des eingesetzten Recyclingmaterials stärker streuen als bei Primärrohstoffen. Softwaregestützte Mischgutoptimierung und inline-Analytik werden zu Schlüsseltechnologien, um Re-Recycling wirtschaftlich und normkonform umzusetzen.

Ausblick: Modell für die europäische Straßenbaubranche?

Das A1-Projekt zeigt, dass Re-Recycling technisch machbar ist. Ob es sich als Standard durchsetzt, hängt von mehreren Faktoren ab: der Entwicklung geeigneter Verjüngungsmittel und Additive, der Anpassung normativer Rahmenbedingungen (etwa der TL Asphalt-StB in Deutschland) sowie der Verfügbarkeit von Aufbereitungskapazitäten. In Ländern mit hohem Straßenbauvolumen wie Deutschland werden jährlich mehrere Millionen Tonnen Asphalt recycelt – das Potenzial für Re-Recycling ist entsprechend groß.

Die österreichische Zementindustrie nutzt das Projekt, um ihre Position im Infrastrukturbau zu stärken und sich als Partner für kreislauffähige Lösungen zu profilieren. Für Planer und Bauherren im Straßenbau ist das Projekt ein Hinweis darauf, dass die technischen Grenzen des Recyclings weiter verschoben werden – und dass Kreislaufwirtschaft auch auf hochbelasteten Verkehrswegen keine Kompromisse bei der Qualität erfordert.

Der Markt wird in den kommenden Jahren zeigen, ob Re-Recycling zur Norm wird oder eine Nische bleibt. Die europäische Auszeichnung für das A1-Projekt ist ein erster Schritt in Richtung breiterer Akzeptanz und regulatorischer Anerkennung. Für die Baustoffbranche eröffnet sich damit ein neues Geschäftsfeld an der Schnittstelle von zirkulärem Bauen, Infrastrukturerhalt und CO₂-Reduktion.

Quellen